Herbert Blomstedt ist mit seinen 98 Jahren nicht nur der älteste aktive Dirigent der Welt, sondern auch einer der herausragendsten. Es hat lange gedauert bis seine Ausnahmestellung erkannt und gewürdigt worden ist – nun werden seine Konzerte als Sternstunden einer Spielzeit gefeiert. So auch bei den Berliner Philharmonikern.

Das Eigene eines jeden Blomstedt-Konzertes beginnt, zumindest in jüngster Zeit, noch bevor der erste Ton erklungen ist: Wenn er am Rollator gemeinsam mit dem Orchester auf die Bühne kommt und sich dann, am Pult angekommen, ihm gegenüber auf seinen Stuhl setzt. Es geschieht jedoch nicht allein darum, weil er nicht mehr auf das Podium geführt werden möchte und auch nicht mehr im Stehen dirigieren kann. Er, der den Takt vorgibt, aber selbst keinen Ton erzeugt, stand auch in all den Jahren zuvor hochqualifizierten Musikern und Musikerinnen nicht als Kapellmeister voran – er musizierte gemeinsam mit ihnen.
Während ich hörend in die unendlichen Melodien eingetaucht bin, mit denen Bruckner seine Siebente Symphonie vom ersten Takt an ins Fließen gebracht hat, so hatte ich den Eindruck, dass Blomstedt und das Orchester gemeinsam eine im Notentext verborgene Statue behutsam und sorgfältig freilegen. Worte dafür lassen sich darum so schwer finden, weil sie sich alle mit dem Paradox konfrontiert sehen, dass Blomstedt als Dirigent zwar die Zügel zu jedem Zeitpunkt in der Hand hatte, aber beim Gestalten nichts forderte, sondern das Orchester zum Gleichschwingen einlud, etwa dazu, den Spielraum zu nutzen, sich untereinander abzustimmen und einander zuzuhören. Wenn sein Dirigieren überhaupt die Aufführung lenkte, dann nahm er Impulse aus dem Orchester auf und balancierte diese aus.
Blomstedt dirigierte wie immer ohne Taktstock, und ihm reichten minimale Andeutungen, manchmal suchte er Augenkontakt oder setzte seine Mimik ein. Wenn er dann doch zu einer großen Geste ausholte, wie beim Durchführungshöhepunkt im Kopfsatz oder zum letzten Aufbäumen im Finale, dann war die Wirkung immens – ohne dass er eine Eskalation ansteuerte.

Immer wieder versetzte die Aufführung ins Staunen, mit welcher Ruhe und handwerklichen Feinarbeit es allen Mitwirkenden gelungen ist, die in sich verschlungenen Stimmen so auszutarieren, dass die Melodien zwar scheinbar ineinanderwachsen, ihnen dabei aber doch ein Eigenleben gelassen wurde, so dass tatsächlich ein gleichberechtigter Satz entstehen konnte: so etwa, unvergleichlich, im zweiten Thema des Kopfsatzes und in der Gesangsperiode des zweiten Satzes. Das oft gebrauchte Wort Transparenz ist viel zu schwach, um diese Kunst angemessen zu beschreiben, weil es das Entscheidende nicht zu bezeichnen vermag: die vielsträhnige Kommunikation der Instrumente miteinander. Leitend für solche Passagen war die Einsicht, dass diese Symphonie, bei aller Monumentalität, letztlich als ein vergrößertes Werk der Kammermusik zu spielen ist.
Im Finale nahmen die Berliner Philharmoniker und Blomstedt die Bezeichnung „Bewegt, aber nicht schnell“ beim Wort, befreiten ihr Musizieren aber von einem starren Metrum, so dass sich ein ungehindertes Schwingen der Stimmen entfalten konnte. So gelang es, den von Bruckner so eigensinnig wie einzigartig komponierten Satz nicht in Einzelteile zerfallen zu lasse.
Herbert Blomstedt und die Berliner Philharmoniker haben das oft gespielte Werk nicht neu erfunden, aber ich habe es lange nicht mit einer derartigen Hingabe musiziert gehört. Dem Publikum ging es offenbar auch nicht anders. Selten erschien die Aufmerksamkeit im Saal höher zu sein als an diesem Abend.


















