Bereits seit 1991 findet das Europakonzert der Berliner Philharmoniker jährlich am 1. Mai statt. Jeweils an einem kulturgeschichtlich bedeutsamen Ort Europas aufgeführt, ist dieses Konzertereignis, das als Television auch europaweit an die Bildschirme übertragen wird, eine Hommage an die Vielfalt der Kulturen des Kontinents. Gleichzeitig erinnert es an die Gründung der Berliner Philharmoniker am 1. Mai 1882.

In diesem Jahr gastierte das Orchester in Österreich: am Maifeiertag auf dem geschichtsträchtigen, burgenländischen Schloss Esterházy, der langjährigen Wirkungsstätte Joseph Haydns. Folgerichtig eröffnete das Orchester dort auch mit einer Ouvertüre dieses Komponisten das Programm. Am Abend danach führte die Konzertreise in den Musikverein nach Wien; dritte Station war am Sonntagabend der Auftritt in der Isarphilharmonie in München. Mit ihrem Chefdirigenten Kirill Petrenko war hier die Aufmerksamkeit für edlen, klassisch verwurzelten Ohrenschmaus angelegt. Da hätte auch Haydns Ouvertüre als Hors d'oeuvre schmecken können.
Was auf den ersten Blick als eher zusammenhanglose Reihung von Musikstücken im Programm erschien, hatte dann doch einen gemeinsamen Tenor: Als Hofkapellmeister formte Haydn in Eisenstadt neue musikalische Gattungen wie die Symphonie oder das Streichquartett. Spätere Werke von Beethoven, Tschaikowsky und Strawinsky haben Haydns Erbe aufgegriffen, weiterentwickelt und neu interpretiert.
Wenige Jahre nach den spektakulären Balletten seiner frühen russischen Periode veröffentlichte Igor Strawinsky 2019 für Sergei Diaghilev Pulcinella, das auf einem Commedia-dell’arte-Libretto von 1700 basiert und Musik von Giovanni Battista Pergolesi verwendet. Geradezu tänzerisch, im Takte der einleitenden Sinfonia wippend, gab Kirill Petrenko den Einstieg in diese melodiös so einnehmende Ouvertüre; die Berliner spielten ebenso leicht wie präzise, in bewundernswerter Tutti-Transparenz und Präzision der immer wieder hervorgehobenen instrumentalen Solostimmen.
Mit erlesen-zarten Klängen eröffnete zärtliche Oboenmelodie (wunderbar sphärisch Albrecht Mayer) die Serenata, eingebettet in durch ihre Dämpfer wie vernebelt aufwallenden Streicherwogen. Wirbelnde Tarantella und prickelnde Toccata überschlugen sich in geschwinder Geschäftigkeit, bis die Gavotta in ihrer zierlich-eckigen Grazie wieder in ruhigere Bahnen lenkte, in ihren beiden Variationen den Ursprung des Tanzes doppelbödig ausleuchtete. Im Vivo-Satz fanden Posaunen viel erheiternden Anlass zu witzigem Ulk, bis aus einer lyrischen Linie alle in köstlichen Kehraus sich sammelten.

Bei seinen Rokoko-Variationen, Op.33 dachte Peter Tschaikowsky weniger an höfische Puderperücken, sondern hatte in erster Linie sein großes Vorbild Mozart im Ohr. Das Thema der Variationenreihe könnte in seiner schlichten Ausdruckskraft aus der Feder des Salzburgers stammen. Der französische Cellist Gautier Capuçon legte Tschaikowskys Variationen als bezaubernd feines, graziöses Kammerspiel zwischen Solo-Cello und Orchester an; in den Berlinern und Petrenko fand er gleichgesinnte Partner, die wie Kammermusiker treffende Klangfarben, etwa der elegisch-melancholischen Holzbläser oder von dunkel grundierten Streichern einmischten.
Technische Brillanz in zwei Kadenzen, gelassen, zwischen Flüstern auf hoher a-Saite und mit klassizistisch abgeklärten melodischen Bögen, in Triller-Verzierungen und Oktavgriffen auch mit hochfahrend romantischem Gestus. Eine ausgefeilte, sangliche, in den Details vom Augenblick inspirierte Interpretation, die tosenden Beifall erhielt und für die sich Capuçon mit Cant dels ocells des 1876 – im Jahr der Entstehung der Variationen – geborenen, weltberühmten spanischen Cellisten Pau Casals bedankte und in bewegten Worten den Gesang der Vögel als bereits von Casals betontes Zeichen für den Weltfrieden beschrieb.
Frühklassische Wurzeln von Beethovens ersten Symphonien waren für Petrenko kein Thema. Schon das einleitende Adagio der Zweiten Symphonie D-Dur atmete den Puls eines Andantino, stürmisch geriet das Allegro con brio des Hauptsatzes in philharmonischer Großbesetzung. Drang und Blick nach vorne, in eine kompositorische Zukunft, kennzeichneten auch das Larghetto, das erst am Schluss zu ruhigen Momenten fand. Eine Eroica in D-Dur glaubte man herauszuhören, die von einem entspannt lächelnden Petrenko und den Berlinern genussvoll in überwältigender Präzision gestaltet wurde und von markanten Steigerungen zum Forte ausgezeichnet war.



















