Zwei Wochen nach dem ersten Post-Corona-Abend ist in der Oper Graz gefühlt schon wieder ein bisschen Normalität eingekehrt, wenn auch eine ganz neue Form von Normalität. Nach wie vor dürfen nur hundert Menschen in den Saal und auf das Gläschen Sekt am Buffet muss man vor der Vorstellung verzichten. Aber das schreckt echte Fans natürlich nicht ab, das Opern- und Konzertpublikum hält sich mit großer Disziplin an die geltenden Vorgaben und ist froh, überhaupt wieder Einlass in die teuren Hallen zu finden.

Tetiana Miyus © Wolf Silveri
Tetiana Miyus
© Wolf Silveri

Das Programm des angesetzten Liederabends mit dem Titel Gesänge aus Fernost entführte in eine schillernde Welt aus rauschenden Klangfarben; das verbindende Element der gewählten Stücke war die Auseinandersetzung von Komponisten mit dem Orient und dessen Klang, der sich insbesondere im endenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert in Europa großer Beliebtheit erfreute. Das thematische Zentrum bildete Maurice Ravels Tondichtung Shéhérazade, der Lieder von Gabriel Fauré, Claude Debussy, Léo Delibes, Nikolai Rimski-Korsakow und Sergej Rachmaninow sowie eine Arie aus Georges Bizets Perlenfischern zur Seite gestellt wurden. Die Moderation von Bernd Krispin bestach zwar nicht durch lockeren Unterhaltungswert, lieferte aber interessante Hintergrundinformationen zu den gewählten Werken, den Komponisten und den Gedanken der Stückauswahl, wodurch der inhaltliche Bogen des Abends deutlich wurde. Bereits im Februar war dieses Programm übrigens an der Oper Graz zu hören – damals allerdings im Spiegelfoyer –, mit der neuerlichen Ansetzung machte das Haus aus der aktuellen Not eine Tugend.

Die Sopranistin Tetiana Miyus ist seit Jahren nämlich ohnehin immer eine sichere Bank für die Grazer Oper und ein Garant für Publikumsbegeisterung, aber an diesem Abend übertraf sie sich regelrecht selbst. Die Stimme ist klar und technisch virtuos wie eh und je, aber zusätzlich nun noch um einige Klangfarben – etwa eine an Karamell erinnernde, samtige Komponente in der Mittellage – reicher. Bereits bei den ersten Tönen von Faurés Après un rêve strahlte die Stimme eine Üppigkeit und in sich ruhende Souveränität aus, die man nur bewundern konnte. Als Ravels Geschichtenerzählerin Shéhérazade ließ Miyus ihren Sopran mal elegant schweben, dann wieder in samtige Phrasen eintauchen und in exaltierten Ausbrüchen verweilen; dadurch sang sie das Werk nicht nur, sondern entführte eindrucksvoll in die Handlung der Tondichtung. Betörende Schönheit bot Rachmaninows Vocalise, tiefe Emotionen wurden bei Ne poy, krasavitsa zu Klang und mit ihrer leidenschaftlichen Interpretation von Leilas Arie „Comme autrefois“ weckte Miyus den Wunsch, dass sich die Grazer Oper hoffentlich doch noch zu einer Nachholung der abgesagten Perlenfischer entschließen möge. Maris Skuja ist ein wahrer Meister der Begleitung, denn er schafft das Kunststück, umsichtig zu begleiten und dabei dennoch seiner eigenen Interpretation Raum zu geben. Er entlockt dem Klavier Phrasen, die die Sängerin regelrecht auf ihrem Klang tragen und tritt in Dialog mit der Stimme. Dadurch ergibt sich der rare Fall einer echten Symbiose, in der nicht ein Instrument den Gesang begleitet, sondern bei der zwei sich perfekt ergänzende Instrumente im Gleichklang ins Schwingen geraten. So wurde schließlich auch das letzte Stück des Abends, Delibes Les filles de Cadix, zu einer Demonstration von Können und Kunst – Klavier und Stimme fegten durch die vor den Augen und Ohren entstehenden Straßen Andalusiens und verbanden kecken Charme mit sonnenstrahlender Lebensfreude.

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