„Cieli, che miro!“- Himmel, was sehe ich! Was den Herzog Bertrando in diesem Einakter von Rossini so verblüfft, ist, dass ihm bei der Inspektion einer Eisenmine plötzlich eine Frau entgegentritt, die seiner tot geglaubten Gattin Isabella bis aufs Haar ähnelt.

L'inganno felice - Ensemble © Patrick Pfeiffer
L'inganno felice - Ensemble
© Patrick Pfeiffer

Vor zehn Jahren war sie von Ormondo der Untreue bezichtigt worden, weil sie dessen Liebesverlangen nicht erwidert hatte. Der Herzog ließ daraufhin seine Frau durch seinen Diener Battone in einem Kahn aussetzen und hilflos den Fluten des Meeres übergeben. Doch, o Wunder, sie wurde von Tarabotto gerettet und in seinem Haus aufgenommen, wo er sie, ohne ihre wahre Identität zu kennen, als seine Nichte Nisa ausgibt. Wie das Schicksal es will, liegt das Haus am Rande eben desselben Bergwerks, das der Herzog nun aufsucht und wo Tarabotto der Chef der Bergleute ist. Während der rund 90 Minuten dauernden Oper löst sich nun allmählich der Knoten aus Täuschung, Hoffnung und natürlich wahrer Liebe. Dazwischen geschaltet ist noch ein Entführungsversuch, aber im Finale gibt es für fast alle (außer den größten Schurken Ormondo) den erlösenden Generalpardon.

Die Handlung, die Rossinis Librettist Giuseppe Maria Foppa für den knapp zwanzigjährigen Komponisten da gemixt hat, war für das damalige Publikum wohl umso unterhaltender, je höher der Wiedererkennungswert der einzelnen Zutaten war, denn diese Farsa per musica machte Rossini in der Karnevalssaison 1812 in Venedig schlagartig zum Star und eroberte anschließend die Bühnen in ganz Europa. Oper im Kleinformat: nur 5 Protagonisten, rund 20 Instrumentalisten, eine knapp ausgestattete Einheitsbühne, dafür aber zündende Musik in einer Mischung aus lyrischer Innigkeit und furiosem Tempo - Garanten des Erfolgs damals wie heute. Beim Rossini-Festival in Bad Wildbad setzte man nun ebenfalls auf dieses Rezept.

Musikalisch ist das auch größtenteils aufgegangen, geschuldet vor allem dem Dirigenten Antonino Fogliani, einem erwiesenen Rossini-Spezialisten und seit elf Jahren musikalischer Leiter des Wildbader Festivals. Trotz oder vielleicht gerade wegen der subtropischen Hitze dieses Abends gab er dem Orchester gehörig Zunder, und dieses ließ aus der Partitur des jungen Rossini schon viel von dem Glanz seiner reiferen Werke erstrahlen: delikate Melodik und rhythmischen Drive. Die Virtuosi Brunenses, Musikerinnen und Musiker vornehmlich der Oper im tschechischen Brünn, spielten engagiert und präzise und klangschön zudem. Ein Sonderlob für die Bläser: die Solisten an Flöte, Oboe und Klarinette und Horn, denen Rossini an prominenten Stellen besonders reizvolle Aufgaben zugedacht hat.

Leider sprüht dagegen die Inszenierung des Festivalintendanten Jochen Schönleber nicht gerade vor Einfällen und bleibt vor allem in der Personenführung sehr konventionell. Die Schwierigkeit des Stücks, das Spannungsverhältnis  zwischen seria und buffa fein auszutarieren, bleibt weitgehend uneingelöst. Zum Glück brachten die beiden Sängerdarsteller der buffo-Partien, Lorenzo Regazzo als Tarabotto und Tiziano Bracci als Batone, genügend Spielwitz mit, um das glänzende Duett der beiden Figuren zum komischen Höhepunkt der Aufführung zu machen. Darin versucht jeder von beiden, den anderen über den Tisch zu ziehen: Batone möchte erfahren, wer Nisa nun wirklich ist und Tarabotto möchte wissen, was Batone mit ihr im Schilde führt. Stimmlich zeigten sich beide Sänger an diesem Abend in Hochform.

L'inganno felice © Patrick Pfeiffer
L'inganno felice
© Patrick Pfeiffer

Als Herzog Bertrando blieb der junge Tenor Artavazd Sargsyan noch etwas blass, gerade seiner Rolle hätte mehr Differenzierung vonseiten der Regie gut getan. Der Widerspruch zwischen einerseits der Brutalität seiner vermeintlich untreuen Gattin gegenüber und andererseits der Beteuerung seiner immer noch währenden Liebe zu ihr kam in der Darstellung des Sängers nicht recht heraus. Stimmlich war er der Partie aber eher gewachsen, wenn man sich an dem etwas nasalen Timbre nicht störte. Ebenfalls ambivalent sind die charakteristischen Farben der Partie der Isabella, die in melancholischer Wehmut ihr Schicksal als verstoßene Gattin beklagt und gleichzeitig tapfer dagegen ankämpft. Die Koloratursopranistin Silvia Dalla Benetta brachte dafür eine prächtige Stimme mit, ließ aber der lyrischen Seite dieser Figur zu wenig Entfaltung.

Nichts gegen die Sparversion dieses Bühnenbilds, das mit einigen Andeutungen von Felsen auskommt, aber der suggerierte Naturalismus der Inszenierung bleibt doch ein wenig bemüht. Die modernen Kostüme behaupten irgendeine Beziehung zur Jetztzeit, die aber durch die Handlung überhaupt nicht gerechtfertigt ist, denn so etwas gibt es eben nur in der Oper. So wirkt der echte Jeep, in dem der Herzog samt begleitender Soldateska auftritt, eher unpassend, und auch das Schiffswrack, in dem am Schluss Ormondo dieselbe Strafe erleidet, die er einst Isabella zugedacht hatte, ist als Requisit ein wenig dick aufgetragen. Dennoch: Mindestens musikalisch ist diese Produktion eine bereichernde Erfahrung