Was ist zu schreiben, wenn die Bayrische Staatsoper ein minutenlanges Buh-Konzert erschüttert? Wenn selbst einzelne Szenen lautstark durch den Unmut der Zuhörenden unterbrochen werden? Schreibt man über den leidenschaftlichen Gastdirigenten, Daniele Rustioni, der das Bayerische Staatsorchester wogengleich zwischen monumentalen Chorszenen und intimer Lyrik durch den Abend führt? Oder doch effekthascherisch über schlüpfrige Filmchen, welche die biederen Gemüter planmäßig erregen?

Les Troyens
© Wilfried Hösl

Aber vielleicht geht beides. Denn im Grunde fasst dieser Zwiespalt den Abend gut zusammen. Die Handlung von Hector Berlioz Grand opéra Les Troyens ist erstaunlich schnell zusammengefasst. Die Griechen erobern nach langen Jahren des Krieges mit ihrer berühmten List Troja – trotz der insistierenden Warnungen der Königstochter Cassandre. Um der sicheren Sklaverei zu entkommen, wählen die Einwohnerinnen den Freitod. 

Ein Teil der Männer, so will es das Libretto, flüchtet im zweiten Teil nach Karthago und erfüllt dort antike Klischees: Erst wird gekämpft, dann gefeiert, und schließlich die Herzen der Frauen gestohlen. Als die männliche Meute dann das Weite sucht und gen Italien segelt, bringt sich mit der düpierten Königin Didon auch die zweite starke Frauenrolle des Stücks racheschwörend selbst um.

Les Troyens
© Wilfried Hösl

Der Regisseur Christophe Honoré schmückt die üppigen Ballettpassagen der immerhin fünfeinhalb Stunden langen Oper in Anbetracht dieser archaisch-unkritischen Männlichkeit mit Videoprojektionen von homoerotischen Orgien aus. Und auch auf der Bühne aalen sich die glänzenden Körper der Epheben in der gleißenden Sonne Afrikas ganz ohne prüde Hemmungen. In der Pause echauffierte sich eine Dame am Nebentisch mit den etwas drastischen Worten: „Schwänze, überall nur Schwänze…!“ und geht der absehbaren Provokation auf den Leim. 

Denn der Sinn der Filmchen, die unerwartet blutig enden, erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Sie wirken fast wie Fremdköper. Freilich wäre niemandem geholfen, die trojanischen Krieger als verklärte Helden darzustellen. In diesen Tagen reicht ein Blick auf die Titelseiten, um die tatsächlichen Gräuel des Krieges plastischer denn je zu illustrieren. Vergils römischer Gründungsepos, welches Berlioz als Vorlage für das Libretto diente, ist schließlich nichts anderes als antike Propaganda. Und mehr denn je gilt es, diese zu entkräften.

Ekaterina Semenchuk (Didon)
© Wilfried Hösl

Und tatsächlich werden die Trojaner über alle fünf Akte des Monumentalwerks in biederen Kostümen (Olivier Bériot) dargestellt, während die Karthager wohl auf keiner Berliner Poolparty aus der Menge stechen würden. Gotthörige Frömmigkeit und freizügiger Hedonismus werden so auf mehreren Ebenen gegenübergestellt. Doch auf der spartanischen Bühne, mit ihren kruden Marmor und Betonelementen, ist es gleichwohl nachzuvollziehen, dass sich manch einer bei diesem singulären Fokus auf die Libido von den musikalischen Highlights der Oper abgelenkt fühlt.

Gregory Kunde (Enée)
© Wilfried Hösl

Und davon gibt es viele. Besonders zu erwähnen ist sicherlich Gregory Kunde als Enée, der mit souveränem Tenor federleicht zwischen zartem Herzensbrecher und erbittertem Krieger wechselt. Er gibt dem Recken etwas verletzliches, ja fast lebensmüdes und lässt seine Stimme gleichwohl vorbei am Orchester bis in die obersten Ränge tragen. Aber auch Marie-Nicole Lemieux brilliert als Cassandre – sicherlich etwas herber, aber gleichwohl mit inniger Präsenz und großartigen Emotionen in ihrer Stimme. Ekaterina Semenchuk steht dieser Brillanz nur in wenigen Dingen nach und kann als karthagische Königin Didon nicht nur Enée, sondern auch das Publikum mit ihrem kräftigen Mezzo verzaubern. 

Kleinere Schwächen bei der Premiere bügelt Rustioni am Pult gekonnt aus. Der 1983 in Mailand geborene Chefdirigent der Opéra National de Lyon arbeitete die inhärente Erotik des Stückes kontrastreich aus, machte die Laszivität der Liebesszenen zum knisternd greifbaren Klangerlebnis, scheute sich aber auch nicht, den Solisten den intimen Raum für sanfte Piani zu geben.

Marie-Nicole Lemieux (Cassandre)
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Der Abend ist am stärksten, wenn das Ensemble das recht schummrige Zwielicht der Inszenierung in prächtigen Chorszenen und Duetten zum leuchten bringt. Schade, dass Honoré dieser musikalischen Fulminanz weder mit einer intelligenten Personenregie noch mit gut platziertem Einsatz von Requisiten mehr Tiefe verleiht. Sein Nihilismus, bei dem selbst das legendäre Pferd auf eine krakelige Leuchtschriftreklame reduziert wird, verhallte leider im großen Rauschen der Partitur ohne sinnstiftenden Effekt. Fast scheint es so, als wollte er sich absichtlich zum Claqueur für ein paar deplatzierte Buhrufe machen. Das Münchner Publikum reagiert jedenfalls erwartbar, aber quittierte die musikalischen Leistung des Abends mit gebührendem Applaus.

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