Mittlerweile ist Herbert Blomstedt der Doyen unter den großen Dirigenten geworden. Seine Auftritte gehören in jedem Orchester der Welt zu den Ausnahmekonzerten. Und wenn der so vitale wie geistesgegenwärtige Dirigent, der in Bamberg den Spitznamen „Duracell“ trägt, weil seine Energie scheinbar nicht versiegt, die Berliner Philharmoniker dirigiert, spielt das Orchester mit der A-Mannschaft: Stefan Dohr, Albrecht Mayer, Andreas Ottensamer und Ludwig Quandt, um nur einige zu nennen.

Herbert Blomstedt © Frederike van der Straeten
Herbert Blomstedt
© Frederike van der Straeten

Bei Mozartks Klavierkonzert Es-Dur, KV482 wollte ich mich am Anschlag des Solisten Leif Ove Andsnes nicht satt hören. Andsnes griff wie von außen in das Geschehen ein, exponierte als Eingang aber nur scheinbar ein neues Thema, weil sich die Girlanden dann doch „nur“ als die Begleitung des dann erneut vom Orchester vorgetragenen Ritornellthemas entpuppten. Blomstedt und Andsnes harmonierten bestens und hatten im ganzen Werk ihre helle Freude daran, überleitenden Abschnitten thematische Signifikanz zu geben die sie dann in Begleitfiguren auflösten. Zum Höhepunkt wurde das unaufdringlich und schlicht musizierte Andante, weil es allen Aufführenden gelang, nicht allein das gedämpfte Thema in all seiner Trauer zu zelebrieren, sondern die lichte Serenade des ersten und die kleine Concertante für Flöte, Fagott und Streicher in C-Dur des zweiten Couplets als einen nur vergeblichen Trost zu interpretieren. Der letzte Satz atmete zu Recht eine gewisse Routine, die der Komponist diesem Chasse-Rondo mitgegeben hat. Unterbrochen wurde diese Musizierlust durch eine unvermutet eintretende Episode, in der wie von ferne ein serenadenartiges, menuetthaftes Andantino cantabile erklang.

Herbert Blomstedt und Leif Ove Andsnes © Frederike van der Straeten
Herbert Blomstedt und Leif Ove Andsnes
© Frederike van der Straeten

Bei Bruckners Vierte Symphonie ist es nur in den höchsten Tönen zu loben, wie es Blomstedt und den Berliner Philharmonikern gelang, dieses so häufig aufgeführte Stück so zu spielen, als erklänge es zum ersten Mal. Vom ersten Takt an wurde Bruckners Zergliederungssatz, in dem der Komponist die Motive in ständig neue Zusammenhänge gebracht und entwickelt hatte, so spannend wie fesselnd dargeboten. Auf die Höhepunkte stürmte das Orchester nie hastig drauflos. Keinmal entlud sich ein durch Drängen erzeugter Druck oder künstlich erzeugte Mühe, vielmehr gelang das Fortissimo stets intensiv volltönend und nicht dröhnend-dumpf. Im langsamen Satz hüteten sich Dirigent und Orchester vor falscher Larmoyanz und wussten präzise die Helligkeitsgrade so auszuleuchten, dass tatsächlich erst das Ende des Satzes wirklich strahlte, während das ihm vorausgehende Fortissimo demgegenüber noch wie abgeschattet klang. Das sind interpretatorische Meisterleistungen, die deutlich machten, dass Blomstedts Kunst, wie die aller ganz Großen, nicht allein in seinem durch Erfahrung gesättigten Handwerk begründet ist. Das Jagd-Scherzo wurde mit all seiner Virtuosität aufgeführt und im Ländler-Trio geradezu schubertisch musiziert.

Am Finale scheiden sich die Geister seit jeher. Blomstedt ist weise allein schon darin, dass er gar nicht versuchte, dieses Riesengebäude zu enträtseln. Töne aus anderen Welten erklangen zu Beginn, wenn die Introduktion auf das kolossal-überwältigende Hauptthema zusteuerte, an dessen Ende das Hornmotiv vom Anfang der Sinfonie hinein tönte. Diesem ersten Durchbruch folgten zwei Themen. Der Sonatensatz, den Bruckner doch im Kopfsatz so organisch zu gestalten vermochte, schien aus den Fugen zu geraten. In der Reprise ließen Dirigent und Orchester das Hauptthema nochmals gesteigert hervortreten. Blomstedt führte die Form bedächtig auf ihre Peripetie hin, fasste den letzten Auftritt des Hauptthemas als den Umschlag in das Gegenteil dessen auf, was in einer Reprise für gewöhnlich erreicht werden soll. Das Hauptthema verlor schließlich seine Konturen, bis von ihm nur die allerdings visionär tickenden Sextolen in den Flöten übrig geblieben waren. Die dann einsetzende Coda führte in „abgrundtiefe Mysterien“. Akkorde verkündeten eine neue, bislang nie gehörte Musik, in der alle thematisch-motivische Gestaltung überwunden zu sein schien und nur Klangfolgen zu Gehör kamen, die Bruckner nicht mehr im Netz der Gesetzlichkeit harmonischer Logizität verankert hatte. In den letzten Takten brach das Hornmotiv vom Anfang der Symphonie so hervor als wäre es nun nach langem Kampf neugeboren worden. Wie es danach weitergeht, weiß niemand...

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