Die Kombination aus einem Mozart-Klavierkonzert und einer Bruckner-Symphonie mag auf den ersten Blick ein gewöhnliches Programm sein. Doch mit außergewöhnlichen Musiker*innen kann es zu einem unvergesslichen Erlebnis werden. So geschehen beim Musikfest Berlin mit der Staatskapelle Berlin unter der Leitung von Christian Thielemann und Rudolf Buchbinder als Solist.

Der Klavierpart von Mozarts C-Dur-Klavierkonzert, KV 467 gehört zu jenen Beispielen, auf die Artur Schnabels Bonmot zutrifft, Mozart sei für Kinder zu leicht und für Pianisten zu schwer. Buchbinder weiß sich diesem Paradox zu stellen. Er hat sich einen so schnörkellos wie beschwingt-innigen Anschlag angeeignet, so dass er seinen Ton weder durch Espressivo aufheizen, noch durch technische Perfektion, die Passagen über die Tasten fegend, unterkühlen muss.
Man kann sich an seinem Legatospiel kaum satthören und es bei diesem Genuss belassen. Man kann aber auch weitergehen und feststellen, dass es ihm – unter großer Unterstützung Thielemanns und der Staatskapelle – gelang, in den Ecksätzen jeweils den Ton der Unberührtheit des Gemüts von äußeren Einflüssen und Schicksalsschlägen zu treffen und so den Kern Mozartscher Heiterkeit zu treffen. Wohl darum hat Buchbinder im g-Moll-Thema des Kopfsatzes die Seufzerfiguren nur fein akzentuiert statt sie künstlich zu dramatisieren und herauszuheben. Diese Nuance genügte, um einen kleinen Schatten über die ansonsten unangetastete Makellosigkeit der Exposition zu legen. Wie vertraut Buchbinder mit Mozarts Tonsprache ist, belegte er in den Solokadenzen, die er, eng an Mozart angelehnt, selbst für die Ecksätze des Konzerts eingerichtet hat.
In Bruckners Vierter Symphonie nahm Thielemann den ersten Satz als organische nicht als architektonische Form und fand in den ersten Takt den grundlegenden Puls. So sicher wie klangschön intoniert trat das Naturmotiv in den Hörnern zu Beginn ein. Thielemann nahm es als dem Werk vorgelagerte Schicht, wogegen er das eigentliche Hauptthema des Satzes erst hervortreten ließ als das Fortissimo erreicht war.
Der zweite Satz wurde regelrecht als Prozession zum Klingen gebracht, dessen Weg Thielemann als Variationsfolge auslegte; im dritten ließ er die Fäden aber nicht einfach nur zusammenlaufen, sondern machte aus dem Durchbruch nach C-Dur einen vorläufigen Sieg, der den Fortgang des Werkes einen ungeahnten Weg einschlagen ließ. Das Jagd-Scherzo durfte sich vor dem großen Schwur des Finales in all seiner Orchester-Virtuosität als berauschendes Intermezzo ausbreiten.
Warum der Komponist dem vierten Satz den Titel „Volksfest“ gegeben hat, ist schwer zu verstehen. Auch bei Thielemann war, außer wenigen Polka-Anklängen, wenig davon zu hören. Einem nimmermüden Frager soll der Komponist die Antwort: „Und im letzten Satz ... jo da woaß i selber nimmer, was i mir dabei denkt hab!“ gegeben haben. Dirigenten rätseln bis heute, wie sich diesem Finale zu stellen wäre: Thielemann ließ den Satz zunächst auf den kolossalen Monolithen des Hauptthemas zusteuern, steigerte dessen Klanggewalt in der Durchführung noch einmal und überschlug sich in der Reprise förmlich zu einem letzten Aufbäumen.
In der Coda war eine Verwandlung zu hören wie in einer Oper. Der Satz schien zunächst von neuem anzuheben. Dann intonierten die Hörner ein dunkles Thema, das von irgendwo kam und Großes anzukündigen wusste. Schließlich ließ Thielemann das Orchester wie in Darstellungen des jüngsten Gerichtes den Höllenrachen aufreißen.





















