„Kammermusikalische Präzision, wissenschaftliche Neugier und kollektive Verantwortung in einem lebendigen und virtuosen Musizieren“ haben sich die Musiker*innen des Freiburger Barockorchesters auf ihre Fahnen – und Homepage – geschrieben. Auf ihre Tournee mit Sir Simon Rattle, der gerne mit Originalklang-Ensembles zusammenarbeitet, nahmen die Freiburger nicht Werke des Barocks, sondern drei Werke von Robert Schumann mit.

Das Versprechen des Orchesters, ihre Einblicke in die Tonsprache der Romantik transparent zu machen, wurde beim Musikfest Berlin durchweg eingelöst; zu einem großen Abend wurde das Konzert aber, weil sich in ihm Menschen zusammengefunden haben, die auf hingebungsvolle Weise miteinander Musik machen.
Obwohl Schumann zu den ersten Komponisten gehörte, die das Ventilhorn einsetzten, spielte das Freiburger Barockorchester auch die den Abend eröffnende Genoveva-Ouvertüre mit Naturhörnern, was im Siegfried-Thema einen schönen, nicht schmetternden Klang erzeugte.
Zum Höhepunkt des Abends wurde die Aufführung des Violinkonzerts mit der Solistin Isabelle Faust. Rattle, Faust und das Freiburger Barockorchester musizierten das Werk im doppelten Blick zurück: Dass sie die barocke Pracht im Eröffnungsritornell mit ihren Engführungen aller Wucht entledigten, um es wie zitiert zum Klingen zu bringen, lag noch auf der Hand; dass sie aber in den introvertierten Passagen des Konzerts auch den Ton romantischer Subjektivität als für immer verloren, mit Wehmut, durchzogen haben, ließ das oft sperrig musizierte Werk wie nie gehört ertönen.
Fausts Rubati zelebrierten im langsamen Satz nicht allein einen traumverlorenen Eskapismus, sondern ließen die Solovioline mitunter als Stimme im Orchester verschwinden. Besser kann nicht zum Klingen gebracht werden, dass sich das Subjekt in der Gesellschaft nicht allein verlor, sondern in ihr unterging. Im Schlusssatz spielte die Sologeigerin zwar zur Tanzmeisterin auf, lief aber mit angezogener Handbremse auf exponierte Spitzentöne zu, um den Schreittanz wie im Schattenriss erstarren zu lassen. In der Coda des Satzes zwangen sich alle dazu, wie in Verzweiflung die thematischen Fäden zusammenlaufen zu lassen und brachten doch nur zu Gehör, wie gewollt diese Synthese hergestellt wurde.
Beschlossen wurde das Konzert mit Schumanns Zweiter Symphonie. Wie aus der Ferne klangen zu Beginn die diatonischen Bläserfanfaren über einem gehenden Bass voller Chromatik, ohne dass beides eine Verbindung eingegangen war. Das Hauptthema des Kopfsatzes kreiste nervös um ein punktiertes Motiv, das Seitenthema fand in den auf- und abwärtslaufenden Skalen zu keiner prägnanten Gestalt.
Das Scherzo nahm Rattle wie ein besessenes Perpetuum mobile in einem aberwitzigen Tempo, das er klug beschleunigte oder verzögerte, statt den Satz starr abzuspulen. Er hob Einsatzakzente im sforzato wie Blitzschläge hervor und erreichte dank der deutschen Aufstellung einen intensiven musikalischen Dialog.
Im dritten Satz blickte er nicht allein zu Bach zurück, sondern setzte ihm Hörnerfanfaren wie aus dem Freischütz entlaufen gegenüber. Im Zentrum des Adagios dünnte Rattle das Fugato so sehr zu einem geisterhaften Pianissimo aus, dass er an die Grenze des Hörbaren gelangte. Als die Tonart nach C-Dur aufzulichten war, färbte er das Thema dunkler, als es zu Anfang in c-Moll erklungen war.
Das Finale ließ Rattle so übertrieben triumphal anheben, als wollte er die Apotheose gegen alle Skepsis durchsetzen. In der Durchführung verdämmerten die Motive, um dem Auftritt des eigentlichen Themas der ganzen Symphonie den Weg zu bereiteten: dem Zitat „Nimm sie hin denn, diese Lieder, die ich dir, Geliebte, sang“ aus Beethovens Liederzyklus An die ferne Geliebte. Rattle und das Orchester fanden regelrecht hymnische Töne, ließen am Schluss sogar das „Alle Menschen werden Brüder“ anklingen, verbanden es endlich mit der Eingangsfanfare zu einem schier endlosem C-Dur-Jubel.




















