Für Zubin Mehta ist der 90. Geburtstag weniger ein bestimmtes Datum als vielmehr eine Reise um die Welt. Seit Anfang des Jahres zeichnet er die Geographie seiner Karriere in Klängen nach und kehrt zu den großen Orchestern und Konzertsälen zurück, die seine Laufbahn geprägt haben. Berlin, wo er seit Mitte der 1990er Jahre regelmäßig auftritt, war eine unvermeidliche Station auf dieser Reise. Seine langjährige Freundschaft mit Daniel Barenboim – seit Jahrzehnten die prägende musikalische Kraft an der Staatsoper – hat diese Verbindung nur noch vertieft.

Zubin Mehta dirigiert die Staatskapelle Berlin © Peter Adamik
Zubin Mehta dirigiert die Staatskapelle Berlin
© Peter Adamik

Der ausverkaufte Saal strahlte die Atmosphäre eines ganz besonderen Ereignisses aus. Mehta wurde mit dem Applaus empfangen, der einem alten Freund vorbehalten ist, als er im Rollstuhl auf die Bühne gefahren wurde. Unter den Anwesenden befanden sich Bundeskanzler Friedrich Merz und Kulturminister Wolfram Weimer sowie Persönlichkeiten aus der Musikwelt wie Barenboim, Christian Thielemann und Elisabeth Sobotka – eine illustre Runde aus Politik und Kunst.

Das Programm war von entwaffnender Direktheit: Mozarts Symphonie Nr. 40 in g-Moll und, nach der Pause, Beethovens Siebte Symphonie. Bekannte Werke laufen Gefahr, zu Gefäßen der Gewohnheit zu werden; hier wurden sie als Orte der Rückkehr behandelt. Am Pult stand ein Dirigent, für den Technik längst keine Frage mehr ist. Die Staatskapelle Berlin reagierte mit gebührender Raffinesse, doch Virtuosität stand nicht im Vordergrund. Was stattdessen zum Vorschein kam, war eine Studie über musikalische Beziehungen: wie Klang entsteht, wenn Autorität dem Vertrauen weicht.

Mehtas Körpersprache hat sich zwangsläufig reduziert. Ausgeprägte Gesten sind einem sparsamen Vokabular gewichen – Blicke, Nicken, kleine Bewegungen des Taktstabs, ein fast privater Dialog zwischen Podium und Musikern. Diese Reduktion schärfte die Aufmerksamkeit. Man wurde sich des Raums zwischen den Impulsen bewusst: der leichten Verzögerung, bevor sich eine Phrase festigt, des Atems vor einem Einsatz. Die Tempi tendierten zur Weite, waren manchmal breiter als üblich, doch niemals träge. Sie schienen auf einen inneren Puls abgestimmt zu sein, sodass sich die Musik mit natürlicher Unausweichlichkeit entfalten konnte.

In Mozarts g-Moll-Symphonie brachte dieser Ansatz die Unruhe des Werks zum Vorschein. Der Anfang schwebte eher, als dass er vorwärts drängte; jede Phrase hielt lange genug an, damit sich ihre harmonische Spannung entfalten konnte. Aus Dringlichkeit wurde Nachdenklichkeit, Bewegung, die aus dem Inneren heraus entstand.

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Zubin Mehta dirigiert die Staatskapelle Berlin
© Peter Adamik

Nach der Pause folgte Beethovens Siebte einer ähnlichen Dramaturgie. Mehta widerstand dem Drang nach bloßer Vorwärtsbewegung. Das Allegretto erhielt einen feierlichen, prozessionsartigen Charakter, dessen Wiederholungen mit fast meditativer Geduld gestaltet wurden. In den anderen Sätzen blieb die rhythmische Lebendigkeit erhalten, gemildert durch Weite – eine Erinnerung daran, dass Ekstase nicht atemlos sein muss.

Was den ganzen Abend über nachhallte, war ein ausgeprägtes Gespür für das, was man als Phänomenologie der musikalischen Zeit bezeichnen könnte: jene winzigen Pausen zwischen den Noten, in denen sich Spannung aufbaut und Bedeutung entsteht. Mehta verweilte dort und ließ die Übergänge ebenso beredt sprechen wie die Themen. Bittersüße Nuancen bei Mozart, leise Jubelstürme bei Beethoven – all dies kam nicht als aufgezwungene Interpretation zum Vorschein, sondern als Entdeckung beim Zuhören.

Das Bild des Dirigenten, der aus seinem Rollstuhl heraus unterstützt wurde, war ergreifend, doch handelte es sich hierbei nicht um eine Geschichte der Gebrechlichkeit. Es war vielmehr eine Geschichte der Beharrlichkeit, in der musikalische Autorität nicht in körperlicher Beherrschung, sondern in angesammeltem Verständnis lag. Als Mehta den lang anhaltenden Beifall entgegennahm, gab es kein Gefühl des Abschlusses, sondern nur das der Fortsetzung.

In einer Zeit, die von Geschwindigkeit geprägt ist, bot dieses Konzert etwas Kostbares: ein Plädoyer für Tiefe statt Effekthascherei, für das Zuhören als aktive Kraft. Der Zauber lag nicht in einer einzelnen Geste, sondern in der Gesamtheit der Aufmerksamkeit, die der Musik zuteilwurde, die einem geduldigen Ohr immer noch neue Facetten offenbart.


Ins Deutsche übertragen von Elisabeth Schwarz.

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