Gleich zwei Jubiläen beging die Mozartwoche Salzburg heuer: den 270. Geburtstag von Mozart sowie das 70-jährige Bestehen der Festivalwoche. „Mit seinem allzu frühen Tod 1791 wird er unsterblich; Lux æterna lautet das Motto dieser Jubiläums-Mozartwoche, wir feiern das ewige Licht Mozarts“, erklärte Rolando Villazón, Intendant der Mozartwoche. Dass zusammen mit Mozarts letztem Werk, seinem Requiem, eine finale Schöpfung eines anderen, in noch jüngeren Jahren verstorbenen Komponisten, unter dem Motto Requiem æterna auf das Programm gesetzt wurde, erwies sich als optimale Zusammenstellung: auch das Stabat Mater f-Moll, letzte Komposition des 1736 mit nur 26 Jahren an Tuberkulose verstorbenen Giovanni Battista Pergolesi, der trotz eines gewaltigen Werkverzeichnisses hauptsächlich wegen seiner Opern Beachtung erlangte, strahlte eine singuläre Kraft zwischen Operndramatik und religiöser Andacht aus.

Zudem machte die Wahl der Interpreten neugierig, denn sowohl Christina Pluhar und ihr Ensemble L'Arpeggiata als auch Philippe Jaroussky als Alt sind bisher nur wenig als Repräsentanten geistlicher Sakralmusik aufgetreten. Beide haben bereits oft zusammengearbeitet in Sammlungen vokaler Opern- und virtuos barocker Theatermusik, was eine Erwartung ungewohnter Sichtweisen herausforderte. Ins Vorfeld des Konzerts platzte die gesundheitsbedingte Absage der Sopranistin Emöke Baráth, für die Céline Scheen und Tamara Ivaniš im Konzert einsprangen.
Wahrscheinlich bereits im 13. Jahrhundert wurde der Text des Stabat Mater verfasst; seine Strophen kreisen um die schmerzerfüllte Mutter Jesu, mater dolorosa, und deren Empfindungen unter seinem Kreuz. Viele bedeutende Komponisten haben es seitdem vertont, von Josquin Desprez bis zu Arvo Pärt; ein großformatiges Oratorium bei Dvořák, fast Kammermusik bei Pergolesi. Die Strophen versetzen den Hörer in die Rolle des Miterlebens, bis zum fast körperlichen Hineinversetzen in den Schmerz Mariens, mit schlichten, fast volksliedhaften Wendungen, innerem Trost, dramatischen Affekten. Pergolesi überträgt diese Worte geistlicher Musik, die sich damals nicht mehr kategorisch von der Oper trennen lassen wollte, wie ein Zwiegespräch an zwei Solisten, zumeist Frauenstimmen.
Christina Pluhar wählte für ihre Aufführung die Sopranistin Céline Scheen sowie den Countertenor Philippe Jaroussky, dessen behutsame Schwerelosigkeit seines Tons und Scheens mehr dramatische Lesart sich gut ergänzten. Beide fanden sofort in die schnell wechselnden Charaktere der Textzeilen, drückten unmittelbar wütendes Aufbegehren, pochend anklagendes Marcato, beinahe tonloses Verhauchen aus; in einer Konzentration fast eines Kammerspiels, das von einem Dutzend Streichern der L'Arpeggiata musikalisch dicht eingehüllt wurde.
Zu Mozarts Requiem (in Franz Xaver Süßmayrs Fassung) kamen noch acht Bläser, davon allein drei Posaunen, ins Orchester; als Chor acht Vokalisten der Capella Cracoviensis, in vermischten Stimmlagen, dazu vier Solisten auf der Bühne im großen Saal des Mozarteums. Pluhar legte Mozarts bedeutungsvolle und mysteriöse Totenmesse nicht asketisch an, sondern rief in drastischer Unmittelbarkeit zu Gedenken und Buße. Beim Introitus herrschten unruhige Schauder am Grab, das „Dies Irae“ wurde zum packenden Seelensturm. Von rauer Erschütterung das „Tuba mirum“, in dem zum wachrüttelnden Ruf der Posaune nach und nach die vier Solisten einstimmten; das „Lacrimosa“ ein bewegendes Seufzen der Capella-Stimmen. Im Solistenquartett ließen Tamara Ivaniš und Dingle Yandell keine Wünsche offen, was tonsprachliche Gestaltung und Aussageintensität anging; etwas opernhaft agierte der Tenor Zachary Wilder. Mit Klarheit und ätherischer Schönheit leuchtete Philippe Jaroussky die Altpartie aus, fand das Quartett immer wieder zu Ausdruckskraft von auratischer Schönheit.
Ein durchaus packendes Requiem auf hohem Niveau, doch mischten sich kleine Irritationen ins wuchtige Klangbild. Zu Pluhars Überzeugungskraft gehört oft, Härten und Klischees aus Meisterwerken herauszufiltern und eine Haltung zu betonen, die wieder das unangestrengt Ausgeglichene, sogar das Elysische heraushebt. Diesen „Musiziergeist des Moments“ konnte man hier vermissen, wenn das Doppelquartett, technisch makellos, an vielen Stellen mit deutlichem eigenem Vibrato das Orchester zu übertönen versuchte, ohne die überzeugende vokale Geschlossenheit größerer Konzertchöre zu erreichen, und Pluhar die individuellen Dynamikvorstellungen der Musizierenden in ihrer zurückhaltenden Zeichengebung nicht differenziert aufeinander abzustimmen vermochte. Eine aufwühlende Klangrede insgesamt, die mit herzlichem Beifall aufgenommen wurde.


















