Der Inhalt dieses Stücks gleicht mehr einem theologischen Seminar als einer Oper. In Schönbergs Moses und Aron kommt keine Liebesgeschichte vor, nicht einmal eine große Frauenrolle. Es gibt keinen Kampf der Guten gegen die Bösen, also der Israeliten gegen die ägyptischen Unterdrücker, und opernträchtige Szenen wie die zehn Plagen oder die Vernichtung der Ägypter im Roten Meer lässt Schönbergs Libretto aus. Stattdessen geht es um zwei unterschiedliche Gottesvorstellungen: Für Moses, den geistigen Anführer der Israeliten, ist Gott ein abstrakter, unvorstellbarer und nicht abbildbarer Gedanke. Sein Bruder Aron dagegen glaubt an einen Gott, der sinnlich erfahrbar ist, der sich seinem Volk in konkreten Wundern zeigt.

Dass Moses und Aron, immerhin eines der zentralen Musiktheaterstücke des 20. Jahrhunderts, sehr selten aufgeführt wird, liegt aber nicht nur am Stoff. Die durchgehend zwölftönig komponierte Oper stellt Solisten, Chor und Orchester vor erhebliche Schwierigkeiten, verlangt viele Proben und generiert entsprechen hohe Produktionskosten. Zudem ist das Werk ein Torso geblieben. Nachdem Schönberg die beiden ersten Akte 1932 fertigkomponiert hatte, nahm er die Arbeit nach seiner Emigration in die USA zwar nochmals auf, kam aber nicht über ein Textfragment zum dritten Akt hinaus. Nach der konzertanten Uraufführung des Stück 1954 in Hamburg ereignete sich die szenische Uraufführung erst 1957, also sechs Jahre nach Schönbergs Tod, am Stadttheater Zürich.
In Basel realisiert man Moses und Aron als Koproduktion mit Freiburg. Für die Regie zeichnen die beiden Intendanten, Benedikt von Peter vom Theater Basel und Felix Rothenhäusler vom Theater Freiburg, verantwortlich. Die musikalische Leitung liegt in den Händen des Freiburger GMD André de Ridder, der das Sinfonieorchester Basel dirigiert. Zusammengeschlossen haben sich auch die Opernchöre der beiden Spielstätten, um eine dem Werk angemessene Chorstärke zu erreichen. Entstanden ist eine Realisierung, die musikalisch auf höchstem Niveau steht und die szenisch mit etlichen Überraschungen aufwartet, die aber nicht alle in gleicher Weise einleuchten.

Ein Geniestreich ist die Verpflichtung des 87-Jahre alten Schweizers Walter Hess für die Rolle des Moses. Hess, der immer noch Mitglied der Münchner Kammerspiele ist, steht damit zum ersten Mal in seinem Leben in einer Musiktheaterproduktion auf der Bühne. Im Unterschied zu Sängern, die meistens für diese Sprechgesangrolle engagiert werden, verschafft Hess als Schauspieler dem Moses eine ergreifende Glaubwürdigkeit und Autorität. Als Schauspieler grenzt sich Hess auch vom Tenor Rolf Romei, Ensemblemitglied am Theater Basel, ab, der den Aron singt. Auf der Bühne ist Aron indes nie zu sehen. Im Verborgenen unter den Orchestermitgliedern stehend, steuert er mit einem Joystick einen riesigen Lautsprecher, der, auf einem Gestell befestigt, auf der Bühne hin- und herfährt. Klar, Aron ist auf der einen Seite das Sprachrohr des Moses, andererseits ist er in Schönbergs Lesart auch dessen Widerpart, was durch seine körperliche Nichtanwesenheit zu wenig zum Vorschein kommt.

In der Deutung des Regie-Duos besteht denn auch der Konflikt des Stücks weniger zwischen den beiden Brüdern als zwischen Moses und dem Volk. Der Chor wird damit zum Hauptakteur. Die etwa achtzig Choristinnen und Choristen wirken nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Zuschauerraum, wodurch das Publikum hautnah in das Geschehen hineingezogen wird. Aus dem Chor heraus treten auch einzelne kleinere Solorollen wie Ein junges Mädchen, Eine Kranke, Drei Älteste oder Sechs Solostimmen – alle namenlos. Die Choristen mimen Exponenten des Volkes Israel, die sich mehr und mehr von Arons Vorstellung eines wunderwirkenden Gottes verführen lassen. Musikalisch werden hier Spitzenleistungen dargebracht, und szenisch ergeben sich immer wieder beklemmende Massenszenen.

Den szenischen Höhepunkt der Oper bildet eigentlich der Tanz um das Goldene Kalb. Doch in Basel gibt es kein Kalb. Der für Bühne und Kostüme verantwortliche Multimediakünstler Olaf Breuning, in der einschlägigen Szene als Enfant terrible bekannt, lässt stattdessen einen riesigen Behälter auf die Bühne herunterfahren, aus dem die absonderlichsten Gegenstände aus Schaumgummi herauskullern: ein Eis am Stiel, ein Flugzeug, ein Staubsauger, ein Handy, eine Zigarette und anderes mehr. Bezweckt wird hier, wird man belehrt, eine Aktualisierung mit dem Verweis auf die Götzen unserer heutigen Zeit. Aber wenn dann die mit solchen Spielzeugen beschäftigen Vier nackten Jungfrauen (die gar nicht nackt sind) von vier mit Spielzeugmesserchen bewaffneten Männern umgebracht werden, wirkt dies einfach dämlich. Noch lächerlicher gerät die Sexorgie der fanatisierten Israeliten, bei der die Choristen mit diesen Spielzeugen in angedeuteter Art kopulieren.

Ein Meisterstück bietet das Sinfonieorchester Basel. Die Musiker sitzen nicht im Graben, sondern auf einem hinten an der Bühne aufgebauten dreistöckigen Metallgerüst, unten die schweren Instrumente, in der Mitte die Streicher und oben die Bläser. Für das Publikum ergibt sich dadurch nicht nur eine verstärkte Präsenz optische des Orchesters, sondern ermöglicht auch die Wahrnehmung der ausgeprägten Klangfarbenstruktur von Moses und Aron. In der Interpretation des in zeitgenössischer Musik versierten André de Ridder verliert Schönbergs dodekaphone Musik auf jeden Fall den Charakter eines Schreckgespensts. Und in der zeitlichen Distanz von bald hundert Jahren nimmt man in Basel auch die traditionellen Elemente und den eminent theatralischen Charakter dieser Partitur wahr.























