Vladimir Jurowski und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin starteten ins Jahr 2022 mit einem Traum-Konzert. Traumhaft war es, was es zu hören gab, wenn der zweite Teil zu Recht auch eher zu einem „Albtraum” wurde. Dieses Wort hier recht verstanden ist in diesem Falle das größte Lob, das dieser Aufführung der letzten Symphonie Schostakowitschs zu machen ist.

Vladimir Jurowski
© Peter Meisel

Jelena Firssowas Der Garten der Träume ist weniger Naturdarstellung wie der Titel vorgibt, als „Hommage an Schostakowitsch“, wie der Untertitel verrät. Mit dem tönendem Anagramm des Komponisten, dem DSCH-Motiv, setzten die tiefen Streicher zu Beginn ein. Alle Stimmen wurden allmählich miteinander verwoben und die Klangfarben sehr differenziert eingesetzt, was sich unter dem Dirigat Jurowskis zu einer Schönheit verdichtete, die in moderner Musik selten so zu hören ist. Immer wieder ertönte das DSCH-Motiv in einem anderen Instrument. Doch dann türmten sich die Orchestermassen auf, der Klang wurde hart. Damit reagierten Dirigent und Orchester darauf, dass die komponierende Spaziergängerin im Zentrum des Stückes auf ein Standbild des verehrten Komponisten getroffen war. Nach diesem Höhepunkt ging die Musik wieder in ihren Ausgangszustand zurück, was so feingliedrig wie fragil musiziert wurde.

Seong-Jin Cho
© Peter Meisel

Für Schumanns Klavierkonzert wurde Seong-Jin-Cho als Solist eingeladen. Schumann braucht für sein Konzert keinen Tastenlöwen, sondern einen, der es vermag, feine Nuancen zu artikulieren. Und der war in dem koreanischen Pianisten gefunden worden, da dieser es vermochte, vor allem den Entwicklungsgang des über ein einziges Thema komponierten Kopfsatz für den Hörer erfahrbar zu machen. Bewundernswert war es dabei, zu hören, wie es dem jungen Pianisten gelang, mit jedem Finger eine Melodie fortzusetzen oder einen einzigen Ton im Akkord hervorzuheben, nicht allein, um raffinierte Klangfarben zu erzeugen, sondern um so Zusammenhänge zu stiften, die ohne diese Kunst nicht nachvollziehbar wären. Das Orchester war gleichsam auf einen Dialog mit dem Klavier und nicht auf einen Wettkampf gegen den Solisten ausgerichtet.

Konstanze von Gutzeit
© Peter Meisel

Eine Aufführung Schostakowitschs letzter Symphonie steht und fällt damit, ob es gelingt, dieses tönende „Tagebuch“ in seiner Zersplitterung so zu musizieren, dass es nicht in sich zerfällt, aber auch nicht als in sich geschlossen und so doch geglättet zu Gehör kommt. Es passt eigentlich nichts zu nichts – nur will gerade das gestaltet sein. Jurowski verfügt über hervorragende Musiker*innen in seinem Orchester, denen es hervorragend gelang, der Musik des Kopfsatzes die Narrenkappe aufzusetzen. Dieses Allegretto führte in ein musikalisches Spielzeuggeschäft, in dem es allerlei zu finden gab – nur keine heitere Musik, wie es das Rossini-Zitat vortäuschen könnte. Es erklang stattdessen eine seelenlose, wie von Marionetten gespielte Musik; es waren Märsche zu hören, in denen das Marschieren zum leerlaufenden Rattern wurde. Die so aufgestaute Trauer entlud sich im zweiten Satz, den die Musiker wie vom späteren Strawinsky entlehnt spielten. Konstanze von Gutzeit, Solocellistin des rsb, trug mit Inbrunst ein zwölftöniges Rezitativ vor. Im Zentrum des Satzes versetzte die Aufführung das Publikum in eine Kerkerszene. Nachdem die Schritte des Wächters verhallt waren, tanzte in dem direkt an den zweiten angeschlossenen dritten Satz der dem Gefängnis offenbar entflohene Soloklarinettist Oliver Link zwölftönig durch die Straßen. Der ganze Satz wurde zur Kammermusik im Riesenorchester, in der einzelne Stimmen ihr Können zeigten, aber auf Antwort nicht hoffen durften.

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin
© Peter Meisel

Im Zentrum des Finalsatzes erklang eine Passacaglia. Das Orchester stellte sich dieser komponierten Unausweichlichkeit, häufte darüber Motive an, die sich in monomanischer Insistenz immer um dasselbe Geschehen drehten, bis schließlich alle elf Töne des Bassthemas in einem Akkord zusammengeballt wurden, der nun alles, was noch lebte, zerstörte. Die Symphonie endete mit einem Schlagzeug-Solo, das dem mechanisch-seelenlosen Uhrwerk-Ticken oder dem Laufwerk einer aufgezogenen Puppe gleichend irgendwann wie ganz und gar ausgebrannt zum Stehen kam.

****1