Es muss nicht immer eine schwerverdauliche Bruckner- oder Mahler-Symphonie sein, nicht immer um Gott und die Welt gehen. Im leichtfüßigen Samstagabend-Programm der Tonhalle-Gesellschaft Zürich kamen drei kürzere Kompositionen populären Charakters zur Aufführung. Thema: die Liebe. Damit wollte der Veranstalter unter anderem ein jüngeres und wenig klassik-erprobtes Publikum in die „heiligen Hallen“ des Kunsttempels locken. Und dies ist ihm durchaus gelungen.

Andrés Orozco-Estrada © Julia Wesely
Andrés Orozco-Estrada
© Julia Wesely

Gastdirigent beim Tonhalle-Orchester war der Kolumbianer Andrés Orozco-Estrada, gegenwärtig GMD der Stadt Köln und Chefdirigent des Orchestra Sinfonica Nazionale della RAI in Turin. Viele kennen ihn jedoch von seiner Chefposition beim Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks, mit dem er zahlreiche Werke des klassischen Repertoires auf Video eingespielt hat. Mit von der Partie war die Cellistin Sol Gabetta, die in der Saison 2025/26 Fokus-Künstlerin bei der Tonhalle-Gesellschaft ist.

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Den Rahmen des Programms bilden die Tondichtung Don Juan von Richard Strauss und die Fantasie-Ouvertüre Romeo und Julia von Tschaikowsky. Die Liebesthematik erscheint in diesen beiden Werken in der größtmöglichen Gegensätzlichkeit. Hier das tragische junge Liebespaar, das erst im Tod zueinander finden kann; dort der stürmische Casanova, der die Frauen reihenweise erobert und wieder fallen lässt. Orozco-Estradas Interpretation nimmt Don Juan als das, was es ist: das vermutlich autobiographisch gefärbte überschäumende Werk eines vor Selbstbewusstsein strotzenden 25-Jährigen. In den Abschnitten mit dem Hauptthema lässt er das Orchester mächtig aufdrehen, während er die Abschnitte, in denen die wechselnden Geliebten charakterisiert werden, in zuckersüßer Manier modelliert.

Auch Tschaikowskys Romeo und Julia ist ein Jugendwerk; die erste Fassung schrieb er im Alter von 29 Jahren. Stilistisch zeigt die Fantasie noch nicht die Reife der späteren großen Symphonien, wenngleich sich einige Vorboten derselben bereits ankündigen. Auch bei dieser Komposition spielt der Dirigent sein ganzes südamerikanisches Temperament und seine ansteckende Empathie aus. Wirkungsvoll führt er die drei inhaltlichen Stränge, die weihevolle Welt von Pater Lorenzo, die wilden Kämpfe der beiden verfeindeten Familien und die Liebesromanze nebeneinander her und kontrastiert sie gegeneinander. Dynamisch schießt er dabei gelegentlich über das Ziel hinaus, doch das Tonhalle-Orchester scheint seine helle Freude daran zu haben.

In Bohuslav Martinůs Cellokonzert Nr. 1 geht es inhaltlich nicht um die Liebe. Aber biographisch spiegelt es die Vaterlandsliebe des Komponisten, der aus politischen Gründen den größten Teil seines Lebens im Exil verbringen musste, zuerst wegen des Naziterrors, dann wegen der sowjetischen Diktatur. Stilistisch ist das 1930 in Paris entstandene und 1955 überarbeitete Konzert alles andere als modern. Neoklassizismus und Folklorismus sind die prägenden Elemente. Schönklang dominiert überall. Gerade dieses Letztere ist ein Fall für Sol Gabetta.

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Im ersten Satz des Cellokonzerts betont sie, im Einklang mit dem Dirigenten, das Tänzerische, wird aber auch dem Lyrischen und dem Virtuosen des heterogenen Satzes gerecht. Beeindruckend gelingen der Solisten die eingängigen Kantilenen des langsamen Satzes, und bei der Kadenz verbindet sie sich kollegial mit dem Stimmführer der Bratschen. In allen drei Sätzen des nach dem Vorbild des barocken Concerto grosso komponierten Werks interagiert Gabetta aufmerksam mit den einschlägigen Orchesterpartnern und zeigt sich dabei als eine kammermusikalisch orientierte Interpretin. Elektrisierend in der geschärften rhythmischen Gestaltung spielt sie den dritten Satz. Auf das Ganze gesehen bleibt die Künstlerin jedoch stets innerhalb der Grenzen des Schönen und riskiert keine Radikalität, die diese Grenzen sprengen würde. Martinů eben auch nicht.

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