Wenn ich die letzten Jahre bei brütender Hitze Abschlusskonzert und Feuerwerk des Haydn-Festivals der Brühler Schlosskonzerte besucht habe, wünschte ich mir, die musikalische Darbietung wäre auch nach draußen verlagert worden. Denn so schön der Prunk im Inneren sein mag, staute sich – abgesehen von schwierigen Sicht-, Platz- und Akustikfragen – die Wärme mitunter in nicht ganz festliche Temperatursphären. Dieses Jahr sollte Corona dafür sorgen, die unüberdachte Bühne für die auf die Beine gestellten Serenaden erstmals ins Freie zu holen. Klar, das birgt Risiken, sollte es doch regnen, schließlich dürfen die historischen Instrumente oder hölzernen Nachbauten erst recht keinerlei Wasser abbekommen. Da das Wetter aber hielt, fiel die Belohnung mit einer komplett sichtbaren und sichtlich erfreuten Capella Augustina unter Leiter Andreas Spering umso größer aus.

Andreas Spering und Anna-Lena Elbert © Brühler Schlosskonzerte | Christian Brand
Andreas Spering und Anna-Lena Elbert
© Brühler Schlosskonzerte | Christian Brand

Dafür stellte der Dirigent ein barockes Programm zusammen, das jetzt natürlich nicht mit dem Anspruch der traditionellen Raritätenerscheinung versehen werden konnte. Stattdessen verband es Instrumentalmusik, Arie und Oper der drei Meister Purcell, Telemann und Händel derart miteinander, dass die Werke eine Reihe von Empfindungen aufgriffen, die klagende Sehnsucht und begierige Lust nach musikalischer Festlichkeit und Verzauberung im luftigen Setting in genügend schwierigen Zeiten bedienten. Da waren die zwei besetzungsidentischen Ouvertürensuiten, Telemanns 55:D21 und Händels allseits bekannte F-Dur-Wassermusik, die allerdings nicht als Betritt eines ausgetretenen Flussbetts daherkam, sondern dank des engagierten, fein abgestimmten Spiels des Orchesters zielsicher Licht in die Dunkelheit des Abends und so mancher vorherig musikfreier Stunde brachte. So klang die Einleitung aufgrund ihrer Zügigkeit und reichhaltigen dynamischen wie artikulatorisch sauberen Effekte wie der präzise Lauf funktionstüchtiger Drainagen, die mit den Hörnern, Oboen und trillernden Streichern schwellende Fontänen royaler Wasserspiele begründeten. Streicher und besonders Ina Stocks Oboe waren es auch, die im Kontrast dazu mit innig gezogener Phrasierung ein seelenreiches Ingedankensein evozierten, das im Andante eine Spiegeloberfläche von hinreißender Farbigkeit vor Augen aufkommen ließ.

Capella Augustina © Brühler Schlosskonzerte | Christian Brand
Capella Augustina
© Brühler Schlosskonzerte | Christian Brand

Mit Telemanns Stück gelang dem Ensemble eine wirklich glückliche Einstimmung, lag darin und in seiner Aufbereitung doch das prädestinierte Musterbeispiel an leichtfüßiger Spätsommerabendgestaltung und einem Wechselbad der Gefühle. Während der langsame Teil der Ouverture und die zierliche Loure in ihrer anmutigen Eleganz als angenehmer Wind der feierlichen Töne um die Ohren wehten, stimmte die Plainte wehmütig, um sich mit dem Carillon in kurze Andacht zu begeben. Die wuselige Melodiegeläufigkeit spritzte dafür im schnellen Introduktionspart genauso um sich wie im wirbeligen Tintamare, so dass frische Wassertropfen ja die Gemüter der Musiker zwecks Lebendigkeit benetzt haben mussten. Flairunterstützender Mitwippzwang also garantiert! Die Auszüge aus Purcells The Fairy Queen sollten ebenso das Kunststück vollbringen, mit verlockender Bedacht und flottem Spin tänzerischer Folklore gar nicht in die Verlegenheit nur seichter Belanglosigkeit zu geraten. Vor allem der drummelnde Bass samt Sören Leupolds knackiger Theorbe zusammen mit den sprudelnden Violinen verbreiteten den Spaß abendlicher Maskeraden-Tollheit, wohingegen das seidige Rondeau, die herrlich entzückende Imitation of birds und die charmante Chaconne den romantischen Blick nach oben schweifen lassen mussten.

Diesen warf zudem Sopranistin Anna-Lena Elbert gen Gestirne, um in auskostend schöner Verträumtheit in „If love's a sweet passion“ und „See, even night herself is here“ Herz- und Sinnlichkeit zu generieren. Dass sie dies mit der nötigen Klarheit und theatralischen Puristik – beherrschte Technik und Phrasierung vorausgesetzt und zur Schau stellend – tat, steigerte die Wirkung ungemein. Mit differenzierter Rücksicht begleitete die Capella Augustina sie in den drei Händelarien, in denen sich abermals ihre Artikulationsgewandheit bezahlt machte, als die Solistin das „Scoglio d'immota fronte“ aus Scipione mit zündender Betonung, Registersicherheit und schmuckhaft erwärmten Bravura-Spitzen sang. Bei dieser Wärme schienen dem aufbettend anrührigen „Piangerò“ aus Giulio Cesare mit Mónica Waismans konzertierender Violinbegleitung sogar Flügel zu erwachsen; zumindest durfte die Leistung mit „Tornami a vagheggiar“ aus Alcina gekrönt werden, indem Elbert ein geschmeidiges wie prägnantes Koloratur-Jauchzen präsentierte, welches zu einem ausdrucksvollen Hin-und-Weg führte. Spiel, Satz... und Sicht in Brühl!

****1