Sich dem Gedanken hingeben, dass Johann Wilhelm Wilms noch annähernde Popularität eines Ludwig van Beethoven erreichen sollte, den er als zwei Jahre jüngerer Zeitgenosse nur zu gut kannte und von dem er sich im Symphonischen mitunter inspirieren ließ, wird eine Illusion bleiben. Doch zumindest Wilms' 250. Geburtsjubiläum konnte im Gegensatz zu dem von den Pandemiemaßnahmen verhagelten Festjahr Beethovens glücklicherweise einigermaßen umfänglich planvoll begangen werden. Und es war und ist Ansporn für Entdecker seltenerer Musik aus vorherigen Jahrhunderten, dem Unter-dem-Radar-Fliegen so einiger Komponisten mit entsprechenden Möglichkeiten und eigenem künstlerischen Renommee ab und zu deutliche Sichtpunkte zu verleihen. Bei Wilms tat dies dahingehend in meinen Augen und erstmals eigenen Ohren Concerto Köln – abgesehen von der anerkennungswürdigen beständigen Ehrung in lichterblickender Heimat im (Rheinisch-)Bergischen Kreis und einiger Unternehmungen in seinem erwachsenen Lebensraum in den Niederlanden (er war im Ursprungsland Beethovens Familie musikalischer Autor ihrer bis 1932 geltenden Nationalhymne).

Harmonie Universelle
© Stefan Flach

Kölner Mitstreiter aus anderen Ensembles schlossen sich dem an und Reinhard Goebel ließ vor zehn Jahren das als verschollen gegolten habende Klarinettenkonzert wieder uraufführen. Dieses stand nun mit einer nach wie vor völlig unbekannten Sinfonia concertante in C (eine weitere in F in Odenthal und Köln) und gemeinsam mit Beethovens Erster Symphonie auf dem Programm der ebenfalls untereinander mit Vorgenannten spielerisch persönlich verbundenen Kollegen von Harmonie Universelle und eingeladenem Dirigenten Andreas Spering. Sie hatten – neben Köln – die heute bedeutenden Aufführungsstätten Wilms' hiesiger nordrhein-westfälischer Kinderstube als Bühne für die eigene Würdigung gewinnen können, die Ende des 19. Jahrhunderts gebaute Historische Stadthalle Wuppertal und den mittelalterlichen, zu Wilms' Zeiten säkularisierten Altenberger Dom. Auf ersterer erlebte ich quasi als Huldigung sowie vertrautes Vergleichs- und Lockobjekt Beethovens Erste in – übergreifend – vortrefflicher Balance und kopfsätzig in jugendlich-alerter Akkordkompaktheit. Auch der zweite Satz erfreute mit satzbezeichnungs- und metronomgetreuer, stimulierender Interpretation, der ein robustes, dramatisch zupackendes Menuetto und schließlich wirklich streng attacca genommenes, ebenso launemachendes, unnachgiebig furioses Symphoniefinale folgten.

Wahrliche Entdeckungslust und -frische kombiniert mit orchestral-solistisch kongruenter Abstimmung hielt auch Einzug – oder besser gesagt: wurde beibehalten – bei Wilms', jetzt zur neuzeitlichen Premiere von Hubert Schröder edierten Concertante in C von 1814. In deren formidabel komponiertem Allegro konnten Mónica Waisman (Violine), Amarilis Dueñas (Cello) und Veit Scholz (Fagott) zwar mal intonatorische Unebenheiten nicht ganz kaschieren, sich aber als Solistenquintett mit Sophia Aretz (Flöte) und Ernst Schlader (Klarinette) insgesamt durch eine überzeugende Artikulations- und Phrasierungsfreude auszeichnen. Besonders historisch-moderates, elegantes Streicherportamento, darüberhinaus vor allem mit Pointierungskeckheit bedachtes Holz und darin durch recht kühne harmonische Sprünge auffallendes Fagott waren Kennzeichen Wilms' und Harmonie Universelles Individualität. Die wurde weiter erlebbar durch das präsentationsflächigere Andante mit rezitativischer Vorstellungsrunde separierter, akkurater Soloeinsätze, ehe die fünf Soli behutsamer miteinander konzertierten und im von Dueñas' Cello attacca überführtem Allegretto con variazioni einen in Melodie, Vorschlägen und Rhythmus stilistisch einwandfreien Volksfest-Tanzspaß lostraten.

Ein solcher krönte zudem in Form der Polonaise und somit zum Abschluss eines Geburtstags passend Wilms' Klarinettenkonzert, das Dieter Klöckner in der Prager Konservatoriumsbibliothek aufgespürt hatte und laut einer Quelle am 23. Februar 1806 vom Solisten Vincent Springer in Wien seiner klanglichen Ersterscheinung zugeführt worden war. Ob Beethoven dabei sogar anwesend war, ist nicht hinterlegt. Andere Vermutungen gehen vom Entstehen des Werkes um 1815 aus, als Iwan Müller zuvor die 13-klappige Klarinette erfunden hatte. Als einer, wenn nicht der Meister historischer Klarinetten heute stellte Schlader jedenfalls dabei seine selbstbewusst und mitreißend, doch gleichsam unprätentiös vorgeführten virtuosen Fähigkeiten erneut unter Beweis und zeigte, wie verdient es wäre, Wilms' Stück ins Standardrepertoire für das Instrument aufzunehmen. Geschmeidigste Luft- und Klappentechnik, makelloser Ton (landschaftsmalerisch seidig-warm im Adagio, legato- und noch stärker purzelbaumüberschlagend staccatolaufgetränkt in den idyllisch-schwungvollen, modulierten Ecksätzen), wandlungssichere Dynamik sowie bestechender Rhythmik- und Registerleichtgang versetzten in wilmskohärente Spannung, Farbfülle und Staunen.

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