Der Ring des Nibelungen ist das in Musik gegossene Motto „Think big“, und besonders gilt das für Siegfried. Paradoxerweise braucht es aber nicht unbedingt einen „Gigantowitsch“ (Gottfried von Einem über Herbert von Karajan) am Pult, um ihn bestmöglich zu realisieren. Unabdingbar sind jedoch Erfahrung, handwerkliches Können. Ein sagenhafter Siegfried an der Wiener Staatsoper, Ausdauer, und nicht zuletzt Liebe zur Sache – all das vereint Ádám Fischer, dieser stets freundlich-bescheiden wirkende Herr aus Budapest aufs Schönste.

Stephen Gould (Siegfried) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH
Stephen Gould (Siegfried)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH

Abgesehen davon ist er die Ruhe selbst. Als wenige Takte nach Beginn des Vorspiels ein Mobiltelefon lautstark und nicht nur für eine Schrecksekunde klingelte, blieb er völlig unbeirrt. Unter seiner Leitung fügte sich die Partitur ganz natürlich, fielen die Leitmotive wie ein sommerlicher Meteorschauer vom Himmel, leuchteten auf und verglühten. Auch das Orchester war bestens disponiert. Unter der Leitung von Konzertmeisterin Albena Danailova beeindruckten besonders die Violinen am Beginn der Szene am Walkürenfelsen – das waren magische Momente, an dem es an diesem Abend ohnehin keinen Mangel gab.

Iréne Theorin (Brünnhilde) und Stephen Gould (Siegfried) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH
Iréne Theorin (Brünnhilde) und Stephen Gould (Siegfried)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH

Das gelungen Dirigat zeigte sich auch in der Führung der Sänger. Immer wieder war zu erkennen, dass es bei allen Ansprüchen, die Wagner an sein Personal stellt, doch kleine Schlupflöcher in der dicken Orchestrierung gibt, die es den Sängern ermöglichen, ihr Instrument bestens zur Geltung zu bringen. Allerdings bräuchte es das für vokale Kraftlackel wie Stephen Gould (Siegfried) und Tomasz Konieczny (Wanderer) gar nicht. Ich hatte schon öfter den Eindruck, dass man die beiden bei geöffneten Türen bis zum Naschmarkt hören müsste, und an diesem Abend war das nicht anders. Beide waren in Hochform und zogen ihre Aufgabe ohne jegliche Ermüdungserscheinung durch, gestalteten ihre Partien mitreißend. Das Aufeinanderprallen der beiden Stimmgewalten im dritten Aufzug – heldentenoraler Ungestüm gegen göttlich-väterliche Bass-Autorität – fiel dementsprechend heftig aus.

Martin Winkler (Alberich) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH
Martin Winkler (Alberich)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH

Bei Stephen Gould staune ich immer wieder, wie agil und verspielt dieser Bär von einem Mann im Finale wirkt, wo er doch sonst eher den Eindruck vermittelt, er könnte Mime einhändig erwürgen. Stimmlich betrachtet wäre etwas weniger vielleicht sogar mehr gewesen, denn mit seiner naturgegeben großen Stimme hätte er einigen Tönen gar nicht so viel Nachdruck verleihen müssen, wie er dies tat. Das Vergnügen an seiner Leistung schmälerte das aber keineswegs. Iréne Theorin war ihm in ihrem Wiener Rollendebüt eine ausgezeichnete Partnerin. In einer dynamisch differenzierten Gestaltung brachte sie Brünnhildes innere Zerrissenheit über den Verlust ihres Status und die Freude an Siegfried zum Ausdruck. Dabei durchdrang ihr leuchtender Sopran das Orchester in jeder Lage.

Tomasz Konieczny (Der Wanderer) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH
Tomasz Konieczny (Der Wanderer)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH

Der Aufbau von Siegfried erzählt eine Reise von der Finsternis zum Licht. Als Erzählform wählt Wagner praktisch ausschließlich den Dialog (Mime – Siegfried, Mime – Wanderer etc.), wovon erst der letzte in einem Duett mündet – endlich Gemeinsamkeit! Dadurch sind in Siegfried alle Sänger stark exponiert, und dementsprechend sind stimmliche und (mit Ausnahme der Stimme des Waldvogels) darstellerische Präsenz zwingend notwendig. Diese Vorgabe wurde an diesem Abend bestens erfüllt, denn Martin Winkler (Alberich) und Erda (Monika Bohinec) holten das Menschenmögliche aus ihren Partien; Herwig Pecoraro hat sich Mime ohnehin „einverleibt“, besteht mit großer Stimme auch gegen Stephen Gould. Mit lieblich-hellem Sopran ließ Hila Fahima als Waldvogel aufhorchen, Jongmin Park als Fafner gelang dies am anderen Ende des stimmlichen Spektrums.

Herwig Pecoraro (Mime) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH
Herwig Pecoraro (Mime)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH

Ein Siegfried von musikalischer Qualität wie dieser ist immer ein Ereignis und versetzt das Publikum in lautstarke Euphorie. An diesem Abend beschlich einen zusätzlich ein ehrfurchtsvoller Schauer, denn das Diktum aus Ariadne auf Naxos, wonach Musik eine heilige Kunst ist, sah sich eindrucksvoll bestätigt.

Von der gesamten Ring-Inszenierung, die Sven-Erich Bechtolf verantwortet, ist Siegfried für mich der am besten gelungene Teil. Bechtolf hat bewusst darauf verzichtet, die vielfältig interpretierbare Geschichte in eine bestimmte Richtung zu lenken, und ihr dadurch das Märchenhafte erhalten. Das ist gut und richtig, denn Märchen – und das gilt gerade für Siegfried – vermitteln mitunter unangenehme, aber fundamentale Einsichten über Ängste, Aggression und Tod, die jeder für sich selbst entdecken darf. Und natürlich darf man mit und an ihnen wachsen. Bei meinem allerersten Siegfried hätte ich nicht im Traum daran gedacht, dass ich viele Jahre später ein tiefes Verständnis für Mimes Frustration entwickeln würde, die in einer Erkenntnis mündet: Man kann seinem Sohn kein Schwert schmieden, mit dem er den Wurm der Mathematik erschlägt; das muss er selbst tun...

Monika Bohinec (Erda) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH
Monika Bohinec (Erda)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH

Rolf Glittenbergs Kulisse in Betonoptik mit eingebauten Ventilatoren ist nicht schön, aber praktisch; und obwohl ich den ausgestopften Auerhähnen der ländlichen Gasthäuser wenig abgewinnen kann, fasziniert mich der mit präparierten Wildschweinen, Rehen und anderem Getier bestückte Bühnenbeton im zweiten Aufzug immer wieder auf Neue – eine originellere Darstellung eines Waldes muss erst gefunden werden. Sollte diese Inszenierung eines Tages durch eine vegane Produktion ersetzt werden, werde ich diesen Teil vermissen.

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