Ring-Fans brauchen keinen speziellen Grund, um sich Richard Wagners Tetralogie oder auch nur Teile davon live anzusehen. Das Werk steht für sich, und gerade in Wien erlebt man regelmäßig Branchengrößen auf der Bühne und am Pult des Staatsopernorchesters. Zum Ausklang der Saison 2025/26 ist an der Wiener Staatsoper allerdings ein besonderes Schmankerl aufgeboten: mit Pablo Heras-Casado wurde ein neuer Ring-Dirigenten engagiert, und die Top-Stars Michael Spyres, Camilla Nylund und Michael Volle feierten in der aktuellen Walküre ihre Wiener Rollendebüts als Siegmund, Brünnhilde und Wotan. Das Publikum feierte sie alle.

Die Attraktion hat vielleicht auch ein wenig damit zu tun, dass man angesichts der vermutlich bevorstehenden Neuinszenierung unweigerlich zur Götterdämmerung-Norn wird und sich fragt: „Weißt du, wie das wird?“. Wer das längst Vertraute suchte, hat es wohl bekommen. Wer aber (auch) gekommen war, um die kühle, etwas verschlafen wirkende Regiearbeit von Sven-Eric Bechtolf mit einem ebenso kühlen „Tschüss“ zu verabschieden (bevor eine neue vielleicht für erhitzte Gemüter sorgen wird), fand sich überrascht, wie das Bühnenpersonal am besprochenen Abend vielleicht das Beste daraus machte, was dieser Walküre in den knapp mehr als 18 Jahren ihres Bestehens passiert ist.
Das begann schon im ersten Aufzug, wo sich der neue Siegmund und die bewährte Sieglinde rund um den riesigen Esstisch mit dem Eschenstamm ein spannendes Katz- und Maus-Spiel lieferten, zu dem Pablo Heras-Casado auf seine Weise beitrug, indem er teilweise ein klein wenig langsamer und mit länger gehaltenen Pausen als üblich dirigierte. Auf dieser Basis entwickelte sich ein überraschend eindringliches Kammerspiel, in der das Wechselspiel aus Euphorie und Angst, schicksalhafter Anziehungskraft und Todesahnung weit stärker wirkte als sonst – vielleicht gerade, weil sich mit mehr Zeit auch mehr Raum auftat.

Das ist aber natürlich auch dem Talent von Spyres und Simone Schneider geschuldet, und dem Umstand, dass diese Partien bestens zu ihnen passen: Er gefiel mit baritonalen Timbre und überzeugenden, langen Wälse-Rufen, sie mit deutlich Drama und Brünnhilden-Stimmstärke. Schade daher, dass Heras-Casado sie im „O hehrstes Wunder“ nicht so lange halten ließ, wie sie es gekonnt hätte – diesen wunderbaren Moment hätte man gern noch ein bisschen länger genossen. Gut dagegen, dass Günther Groissböck den in jeder Hinsicht finsteren Störenfried dieser verbotenen Geschwister-Beziehung gab, denn neben diesem Power-Duo hätte ein weniger erfahrener Hunding leicht zur Randfigur mutieren können.
Der zweite Aufzug, in dem die Erwartungshaltung ganz auf Michael Volles großen Wotan-Auftritt fokussiert war, schloss hinsichtlich der positiven Überraschungen an den ersten an: Obwohl man das Ensemblemitglied Szilvia Vörös bereits mit vielen tollen Leistungen erlebt hat, war man fast überrumpelt, wie sich diese junge Sängerin bei ihrem Fricka-Debüt in Gesang und Spiel neben der Wagner-Legende Volle mehr als nur behauptete. Alle Frickas müssen den großen Auftritt und das Spiel der beleidigten Diva beherrschen, und Vörös fügte dem noch eine gehörige Portion List hinzu, die in Kombination mit ihrem klaren, aber mächtigen Mezzosopran unwiderstehlich war. Besonders beeindruckend war, wie sie „Lass ab von dem Wälsung!“ in eine bedrohlich-unerschütterliche Feststellung verwandelte – hier ist jemand in seiner Kunst schon sehr weit gekommen und wird es noch weiter schaffen.

Michael Volle ist, obwohl nach wie vor mit stimmlicher Durchschlagskraft und polterndem Zorn über die abtrünnige Brünnhilde ausgestattet, als Wotan dem Sturm und Drang natürlich entwachsen. Stattdessen gestaltete er diese Partie so berührend wie kein anderer und nutzte die vielen leisen Stellen in der Partitur dazu, ebenso zurückhaltende, nachdenkliche Töne wie für einen Liederabend anzuschlagen. Welche unerhörte Wirkung dieser Mut zur bewussten Zurücknahme der Stimme entfaltete, sei den vielen Schreihälsen nicht nur im Wagner-Fach ins Stammbuch geschrieben.
Mit Camilla Nylunds Brünnhilde bildete Volle ein herzzerreißendes Vater-Tochter-Duo, zumal Nylund in glänzender Verfassung war. Bei ihrem Hojotoho-Auftritt konnte man nur staunend Augen und Ohren aufreißen, wie strahlend klar und jugendlich frisch alles wirkte. Neben den vielen Höhepunkten an diesem Abend wird insbesondere die Szene der Todesverkündigung mit Siegmund in Erinnerung bleiben, und natürlich die große Abschiedsszene mit Wotan, in der diese Brünnhilde mit ungeheurer Leidenschaft um ihr Leben, für die Milderung ihrer Strafe, und eine Zukunft in Würde sang.

Wenn man das Dirigat bespricht, kommt man nicht darum herum, neben Lob für die motivische Detailarbeit in dieser Walküre und die Rasanz in den Walküren-Szenen des dritten Aufzugs auch das Vorspiel zum ersten zu besprechen. Dieses Lieblingsstück, das ansonsten jede und jeden in die Handlung katapultiert, gelang rhythmisch nicht einwandfrei und klang mehr nach einer unentschlossenen ersten Probe denn nach Siegmunds dramatischer Flucht im Wintersturm. Es beweist aber Größe, wenn man als Dirigent und Orchester aus dieser Stresssituation schnell herausfindet und sich anschließend zu einer konstanten Form aufschwingt, die begeistert und am Ende über ein solches Missgeschick hinwegsehen lässt. Überschwänglicher Jubel daher für alle, und für nicht wenige die Erkenntnis, dass man den müden Video-Feuerzauber auf den acht starren Rössern in der Bühnenmitte nicht vermissen wird – egal, was Ersan Mondtag, dem vermeintlich nächsten Ring-Regisseur in Wien, einfallen wird.
















