Mit der niederländischen Erstaufführung von Kate Whitleys Speak out begann das Matineekonzert letzten Samstag in Amsterdam sehr vielversprechend. Dieses groß besetzte Chorwerk war zum Internationalen Frauentag 2017 uraufgeführt worden. Der BBC Kompositionsauftrag war verbunden mit einem ungewöhnlichen Textvorschlag: Whitley sollte Musik zur Rede der Nobelpreisträgerin Malala Yousafzai komponieren, die diese vor den Vereinten Nationen gehalten hatte. In dieser Rede hatte die Überlebende eines Terroranschlags der Taliban auf einen Schulbus in Pakistan das Recht auf Zugang zu Bildungseinrichtungen für Mädchen eingefordert. Ein ungewöhnlich politisches Thema also, mit dem man in Konzertsälen rund um den Globus höchst selten konfrontiert wird. Whitley, Komponistin und Pianistin, hat sich als künstlerische Leiterin des von ihr miterrichteten MultyStory Orchesters in Birmingham einen Namen gemacht. Dieses Jugendorchester spielt in Parkhäusern und anderen ungewöhnlichen Umgebungen mit dem Ziel, klassische Musik direkt zu Menschen sprechen zu lassen.

Xian Zhang © Esthers de Bruijn
Xian Zhang
© Esthers de Bruijn

Whitley kommt sofort zur Sache: die jungen Sänger des Nationalen Jungen- und Kinderchores sangen sauber und gut verständlich: Let us (Lasst uns unsere Bücher und Stifte nehmen). Die Sängerinnen und Sänger des Großen Rundfunkchors (GOK) kontrastierten diesen klaren Kinderklang mit ihren ausgebildeten Stimmen und webten einen filigran komplexen Klangteppich. Das Filharmonische Orchester des Niederländischen Rundfunks (RFO) begleitete unter der chinesisch-amerikanischen Dirigentin Xian Zhang vorsichtig mit luftigem Klang von Streichern und Bläsern. Zhang dirigierte mit runden fließenden Bewegungen, als wolle sie einzelne Töne und Klänge aus dem Orchester herausziehen. Sie hatte 2017 auch die Uraufführung mit dem Waliser BBC Orchester und Chor dirigiert, deren regelmäßige Gastdirigentin sie ist. Whitleys Musik ist eingängig und erinnert an amerikanische Minimalmusik in Harmoniegebrauch und dem Einsatz der Orchesterinstrumente; Xylophon und Metallophon beherrschen den Tuttiklang. Der formale Aufbau mit dem Let us-Refrain, der vier Mal wiederholt wird, ähnelt dem eines Popsongs. Auch für die „Strophen” verwendet Whitley einander ähnelndes Tonmaterial, wodurch man sich innerhalb kürzester Zeit angenehm heimisch fühlt in dieser neuen Musik. Whitley spielt mit kräftigen dynamischen Gegensätzen und scheut sich nicht, das gesamte Orchester unisono auf einer Tonleiter in die Tiefe stürzen zu lassen. Mit diesem mehrmals wiederholten Effekt lässt sie ihr sympathisches Stück auch enden. Dem ursprünglichen Anlass angemessen konnte diese Protestmusik ein deutlich nachvollziehbares Zeichen gegen Willkür und Ausgrenzung setzen. Als Zuhörer hätte man den einfach eindringlichen Text gern überm Podium mitgelesen.

Dies galt umso mehr für die vier Liedtexte der Lieder und Tänze des Todes von Modest Mussorgsky. Auf Gedichte von Arseny Arkad'yevich Golenishchev-Kutuzov (1848-1913) hatte Mussorgsky Mitte der 1870er Jahre zwei Liedzyklen (auch noch: Ohne Sonne) geschrieben. Die von Dimitry Ulyanow in der Originalsprache gesungenen Lieder waren ohne den Text in ihrer Vielschichtigkeit kaum zu erfassen. Schon im Wiegelied, in dem der Tod ähnlich wie im Erlkönig einer Mutter ihr krankes Kind raubt, ließ Ulyanov seine Fähigkeit zur Geltung kommen, zwei ganz unterschiedlichen Charakteren eine eigene Stimme zu verleihen. Auch in der Serenade hatte der Sensenmann bei Ulyanow ein ganzes Register von sowohl einschmeichelnden als auch gebieterischen Tönen. Und wieder ganz anders war die Weichheit seiner Bassstimme, mit der Ulyanov daraufhin die Stille zu Beginn des Trepak beschrieb. Auch beim letzten Lied Der Feldherr überraschte Ulyanov imposant aufs Neue. Hier strotzte seine Stimme von der Autorität eines Generals, der seine Soldaten in die Schlacht führte. Mussorgskys Klavierbegleitung war von Dimitri Schostakowitsch 1962 kongenial und weitgehend originalgetreu für großes Orchester instrumentiert worden. Und doch meinte man hier und da die Handschrift dieses richtungsweisenden russischen Komponisten des 20. Jahrhunderts herauszuhören. Das selten aufgeführte Orchestermaterial wurde dem holländischen Rundfunk vom Mariinsky Theater in Sankt Petersburg zur Verfügung gestellt. Ulyanows technische Vielseitigkeit und sein Volumen imponierten, ein Liederabend im Kammermusiksaal hätte den Liedern jedoch zu mehr Innigkeit verhelfen können.

Auch der späte Verdi nach der Pause wollte nicht wirklich unter die Haut gehen. Zhangs ausladende Gestik wurde von Chor und Orchester in den Vier geistlichen Stücken von Guiseppe Verdi selten exakt gefolgt. Im Ave maria waren vor allem Alt- und Tenorstimmen klanglich feinsinnig aufeinander abgestimmt, dynamisches Risiko wurde jedoch trotz aller Bemühungen der Dirigentin gescheut. Das galt auch für das Stabat Mater, in dem das RFO kaum in Erscheinung trat. Die Frauenstimmen im Laudi alla Vergine Maria waren vom Chordirigenten Michael Gläser bestens vorbereitet, aber erst in den Schlusstakten wagten sie sich weg vom dynamischen Mittelmaß und brachten die innige Musik zum Leben. Das abschließende Te Deum profitierte von diesem Wagnis und das RFO ließ sich nun von seiner besten Seite hören. Die Sopranistin Lisette Bolle hatte am Schluss einen starken Auftritt als sie wie aus dem Nichts zwischen den Chormitgliedern heraustrat.

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