Die Vorgehensweise für einen Auswahlprozess, mitunter auch die Motivlage für die Entscheidung, unterscheidet sich aktuell nicht wesentlich von 1722/23, als sich der Leipziger Rat nach dem Tod von Thomaskantor Kuhnau auf der Suche nach dessen Nachfolger befand. Nachdem einige illustre Bewerbungen eingetrudelt waren, erstellte das Komitee ein aus heutiger Sicht erstmal etwas erstaunliches Ranking zur wunschgemäßen Besetzung. Telemann, dann Graupner, danach Bach. Zweierlei muss dabei beachtet werden: Telemann gehörte als berühmtester Komponist zu den „besten“, mit Graupner zu den angesehensten Bekannten der Stadt, während Bach als weniger gut vernetzt und produktiv galt. Zudem favorisierte die Leitung einen geschickten Allrounder mit Lieferung praktischer, protestantisch-orthodoxer Werke von schneller Aufführungsreife. Dass Bach den Zuschlag erhielt, verdanken wir dem Umstand, dass Telemann den Ruf selbst nur als Druckmittel für eine Gehaltserhöhung in Hamburg nutzte, während Graupner von seinem hessischen Dienstherrn mittels einer solchen davon wirksam abgehalten wurde, zuzusagen.

Harmonie Universelle und Solisten
© Sonja Werner

Das instrumental wie mit den eingeladenen Sängern solistisch Aufstellung genommen habende Harmonie Universelle wärmte den Contest von damals wieder auf, der letztlich zwischen Graupner und Bach abgehalten worden war. Berufungskommission sollte in lobenswert interaktiver Einfallshaftigkeit das Publikum sein, das im ersten Teil die Stücke anonym serviert bekam und – welch' Symbolik! – just am Tage des Ausscheidens des amtierenden Thomaskantors und unter Anwesenheit der Kölner Oberbürgermeisterin zur Abstimmung schritt. Sie gewann Bach; nicht überraschend, wenn man bedenkt, dass dessen Kantate BWV22 als solche bei allem Verheimlichen des Programms doch gewiss schnell auszumachen war und so heutige Hörmuster und eben der unverändert berüchtigte Bekanntheitswert neben der weiß Gott unabsprechbaren Qualität den Ausschlag gegeben haben. Bemerkenswert dagegen gerade der mit 21:45 Stimmen eingefahrene Achtungserfolg Graupners, den der joviale und den historischen Sachverhalt schildernde Moderator Albrecht Zummach konstatierte.

Zwar hatte Harmonie Universelle – in dieser Gegenüberstellung von Mónica Waisman geleitet – versucht, es einem wirklich nicht leicht zu machen, dennoch hinterließ einfach Bachs Dreiklang aus oratoriendramatischem Einbaugeschick, ungeheurer Modernität und Melodiesprache den überzeugenderen Eindruck, den das Ensemble mit größerer Vertrautheit und speziell die Gesangssolisten mit vollmundigem Eifer beeinflussten. Es schien, als schüttelte der aufgefrischte Choral, vorher natürlich die Mini-Passions-Hinführung von Arioso und Turbachor sowie die von Elvira Bills zierliche Geborgenheit verströmendem Alt und Benjamin Glaubitz' bestimmtem, textfreudigem Tenor interpretierten Arien eine Form von Konservatismus ab, wenngleich eine solche Zuschreibung für Graupners Kantate Aus der Tiefen rufen wir mit gesetzterem Dictum zu ungerecht wäre. Schließlich vermochten auch darin, Kontraste wie die Arie oder das Accompagnato und nun mal die unterschiedlichen Rufe in der hervorragend deklamatorisch klaren wie würdigen Klanggewalt des Quartetts zu berühren.

Zum zweiten Teil – jetzt entschlossener und temperamentvoller angeführt von Florian Deuter – gesellte sich mit der Sonate TWV 50:4 für die allen gemeinsame Besetzung aus Streichern, Oboen, Fagott und Continuo der eigentliche (Vorab-)Sieger Telemann dazu, als grüßte er aus der Ferne mit den ihm statt Bachs erduldeter Leipziger Schwierigkeiten widerfahrenen Ruhmesweihen. In Übereinstimmung zu damals ließ sich Telemanns Anerkennung durch den gesteigerten Applaus der Zuhörer am Abend messen, wozu die typisch artikulierte Vitalität, Zug-, Spann- und Ausdruckskraft von Harmonie Universelle beigetragen hatte, bei der in den quirligen Zuspitzungen der eigenen kleinen Wettstreite der Spielstile genauso minimale Saitenkratzer oder ein verdruckstes Luftloch der Oboe auftauchten. Größten Beifall erhielt zum bestätigenden und dem Glück der Geschichte wahrenden Finale Bachs Kantate BWV17, selbst wenn die zuvor mustergültige Textverständlichkeit und Balance der nun weitergehenden fulminanten Erhitzung der Instrumentalisten unterlegen war. Gegen sie setzte sich Glaubitz mit eingeberischer Betonungsstärke zur Wehr, Bass Joachim Höchbauer mit durchaus geschmeidiger Theatralik, Bill mit aufblühenderer Präsenz und Hannah Morrison mit ihrem bezaubernden Sopran. Zum Schluss gab es die besten, gottlobenden Wünsche und einen seligen Choral mit auf den Weg für meine Entscheidung, diese informative Unterhaltung beinahe selbst zu den besten Konzerten zu wählen.

****1