Nach der langsamen, mystischen b-Moll-Einleitung zu Beethovens Vierter Symphonie, als taste man sich mit bloßen Fingern in der Dunkelheit an alten Schlossmauern entlang, und in dem Moment, als die Berliner Philharmoniker das Allegro beginnen – in der „richtigen“ Tonart – versteht man, warum Sir Simon Rattle sich für London einen neuen Konzertsaal wünscht. Dies war mein erster Besuch der Berliner Philharmonie, und der Klang, als das Orchester mit diesen Fortissimo-Akkorden loslegte, hat mich beinahe umgehauen. In Anbetracht der reduzierten Größe – 41 Streicher – und der kompakten Sitzordnung war der Klang bemerkenswert fest und knackig, verlor dabei jedoch nicht an Klarheit.

Die Philharmonie gleicht einer gigantischen, goldenen Honigwabe, von außen (farblich) wie von innen, wo die Sitze in Gruppen – oder Zellen – umeinander angeordnet sind. Das bedeutet, dass der Publikumsraum nie überfüllt wirkt, sondern dem Musizieren ein intimes Gefühl verleiht. Und doch habe ich noch nie so viele Kameras in einem Konzertsaal gesehen – eine Erinnerung an die globale Marke des Orchesters. Die Berliner Philharmoniker sind sehr gefragt, sei es online oder auf Tour. Dieses war das Eröffnungskonzert von zwei Zyklen Beethovenscher Symphonien, nicht chronologisch angeordnet, bevor das Orchester sie in Paris, Wien und New York vorstellt. Ein paar Unebenheiten zum Trotz war es ein vielverheißender Start.

Als Rattle die Beethoven-Symphonien (mit den Wiener Philharmonikern) aufnahm, adaptierte er zahlreiche Elemente aus der „historisch informierten“ Praxis, und viele davon zeigten sich auch hier, schwelgende, antiphone Violinen, harte Paukenschlegel, spritziges Anspielen und Tempi, die, wenngleich nicht ganz Roger Norringtonesk, nur so davon zischten. Das eröffnende Allegro der Vierten war brüsk, nahezu verärgert; der Scherzo-ähnliche dritte Satz hingegen besaß eine erdige Energie.

Rattles Dirigat richtet sich gleichermaßen an das Publikum, dem er dabei Hinweise gibt, worauf besonders zu hören ist, wie an das Orchester, das in der musikalischen Interpretation beinahe so autonom ist wie hinter der Bühne. Flötist Emmanuel Pahud leitete die Holzbläser aktiv, oft den Fagotten hinter ihm zugewandt; Albrecht Mayer und sein Kollege spielten ihre Phrasen manchmal eher einander als dem Saal zu. Rattle war der Aufsehende, der Balancehaltende, der Kontrolleur der Dynamik, der die Streicher zurücknahm, um die gurgelnden Holzbläser im Finale freudig hervortreten zu lassen.

Kommt die Leine ab, so sind die Berliner Celli und Bässe wunderbar gut. Das stürmische Wühlen im Finale der Vierten erinnerte mich an den Sturm zu Anfang von Verdis Otello, so körperlich war der Eindruck. Sie waren sogar noch besser in der Siebten, unterstützt von Rattles ungewöhnlicher Aufstellung der beiden Kontrafagotte. Getrennt von ihren Fagott-Cousins waren sie zwischen Bässen und Hörnern platziert und dort nahezu eine Fortsetzung der Basslinie. Es funktionierte prächtig, und die Kontrafagotte gaben dem Grummeln der brummenden Kontrabässe elefantösen Ballast.

Die Siebte erlebte einen unordentlichen Start – getrennte Hörner, die ersten und zweiten Violinen nicht zusammen – doch sammelte sich bald. Pahuds goldener Flötenton führte den ersten Tanz in dieser tänzerischsten aller Symphonien, von Wagner als „Apotheose des Tanzes“ beschrieben. Wie recht er hatte. Der erste Satz, Vivace, war bisweilen donnernd aggressiv, doch voll schierer Freude. Bratschen waren klangvoll im Allegretto, Rattle verbreiterte das Tempo für das zentrale, von den Klarinetten angeführte Thema, anmutig gespielt von Wenzel Fuchs. Das Presto tanzte ausgelassen, wenn nicht immer elegant im Scherzo.

Das Allegro con brio-Finale fasst die Qualitäten dieses Orchesters kompakt zusammen. Schauen Sie mal in die hinteren Pulte der Streicher und Sie sehen dort das gleiche Engagement wie bei ihren Registerführern. Die Bratschen attackierten die letzten Seiten der Symphonie mit solchem Elan, dass mehrere Musiker schier von ihren Stühlen sprangen, als Rattle das Tempo anzog, viele grinsten vor Freude. Beethovens Siebte macht so etwas mit einem. Ich grinste auch.


Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

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