Die Geschichte von Dvořák’s Geisterbraut (Svatební Kosile) sagt viel über die musikalische Mode im viktorianischen England des späten 19. Jahrhunderts und seinen Geschmack am Oratorium. In Auftrag gegeben auf Anstoß von Verleger Novello für das Birmingham Festival 1885 vertont sie einen Text, der auf einer Volkserzählung der unbedeutenden literarischen Figur Karel Jaromir Erben basiert. Sein Werk inspirierte auch mehrere der düstereren, späteren Tondichtungen des Komponisten.

Martina Rüping © Nancy Glor
Martina Rüping
© Nancy Glor
Die Premiere in Birmingham war ein grandioser Erfolg und das Stück genoss für eine kurze Weile beträchtliche internationale Beliebtheit. Es ist aber ein merkwürdiger Hybrid und man kann seine Seltenheit heute verstehen: drei Solisten sind gefragt, ebenso Chor und Orchester, und mit 80 Minuten Spieldauer ist es etwas zu kurz, um alleinstehend ein befriedigendes Konzert zu bieten. Auch Veranstalter sind tendenziell nur wenig begeistert von Gattungsseltsamkeiten wie dieser. Novellos Partitur benennt das Werk als „dramatische Kantate“ und das Programm für dieses Konzert entschied sich für „Ballade“. So oder so, es ist ein merkwürdiger Hybrid.

Die Geschichte selbst scheint bekannt und erzählt, in aller Kürze, von einem verlassenen Mädchen, das sich nach seinem Geliebten sehnt, der weit weg auf Reisen ist. Ein Geist erscheint und lockt sie fort, um an einem gespenstischen Heiratsritual teilzunehmen, doch sie rettet sich in letzter Minute. Der Sopran spielt das Mädchen, der Tenor den Geist, während ein Bass und der Chor die narrative Last tragen. Die Musik, mit wiederkehrenden Motiven zusammen gewoben, ist oft wunderschön, wenngleich selten so eingängig wie man es will. Das letzte Gebet des Mädchens beispielsweise braucht mehrere Minuten, um Fuß zu fassen, doch das Finale, in dem die Geschehnisse vor dem zarten, glücklichen Schluss einen unheimlichen Höhepunkt erreichen, macht großen Spaß. Ein ausgedehntes Duett zwischen Tenor und Sopran scheint gelegentlich auf das zwischen Rusalka und dem Prinzen in der späteren Oper des Komponisten vorauszuschauen,

Obwohl es ein Vorzeigekonzert für die Berliner Singakademie war, schien der Fokus oft auf dem Orchester zu liegen. Hier finden wir Dvořáks beseelteste Ideen und das Konzerthausorchester Berlin spielte sie wunderschön, mit ausgezeichneter Arbeit insbesondere des ersten Hornes und Englischhorns. Letzteres war essentiell beim Erschaffen des melancholischen, packenden Kolorits des Werkes. Achim Zimmermann dirigierte mit großzügigem, lyrischem Schwung.

Die Singakademie selbst sang mit Energie und beeindruckender technischer Präzision. Es war jedoch schade, dass sich keiner der drei Solisten genügend gegen die massiven Chor- und Orchesterkräfte durchsetzen konnte. Das lag auch an der Besetzung. Philipp Kaven in der Bassrolle sang eloquent, doch der Part braucht eindeutig etwas Opernhafteres, Gebieterisches als er bieten konnte. Ein ähnliches Problem gab es für Tenor Lothar Odinius, obwohl er den zärtlicheren Passagen beträchtliche Lieblichkeit verlieh. Martina Rüping kämpfte in der mittleren Lage um Projektion, war jedoch beeindruckender, wenn die Musik sie in ihre schimmernde, durchdringende hohe Lage führte – und ihr abschließendes Gebet war bewegend dargeboten.
 

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.