Die Welt von Direktor David Böschs L'elisir d'amore ist ein seltsamer Ort. Er scheint direkt einem düsteren Cartoon oder Comic entsprungen zu sein. Das Licht ist immer gedimmt, die Kleidung der Dorfbewohner ist zerschlissen, Dulcamara kommt auf einer merkwürdigen, sich drehenden Apparatur vom Schrottplatz daher, und die Soldaten, die in die Stadt kommen, sind wahrhaftig bedrohlich. Die Details jedoch sind erfreulich kindisch, vom gewunden-kursiven Titel auf dem Vorhang über Giannettas Rucksack und Kopfhörer bis hin zu den Ballons, die Nemorino herumträgt. Die Stadt ist kein bestimmter wirklicher Ort, aber nichtsdestotrotz ein wohldefinierter Schauplatz: ein abgelegenes Dorf arm an finanziellen Mitteln doch reich an Hoffnung, in dem jeder Neuankömmling großes Aufsehen erregt.

Es ist der perfekte Heimatort für Charles Castronovos kindischen, aufmerksamkeitsheischenden Nemorino. Er ist überzeichnet und pathetisch, aber er ist auch vollkommen ehrlich. Er wird für Adinas Liebe sterben, und wenn er mit Selbstmord droht, weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll. In jedem Falle ist es unmöglich, nicht mit ihm mitzufühlen. Castronovo singt famos, mit vollem doch flexiblem Klang. Er verdient besondere Erwähnung für eine so lyrische Umsetzung von „Una furtiva lagrima“, nachdem er auf einen Laternenmast geklettert war. Auch sein Mut, nur mit Boxershorts und Unterhemd bekleidet dermaßen die Hüften zu schwingen, sollte gelobt werden.

Zunächst fürchtete ich, dass Ekaterina Siurina als das kaltherzige Objekt von Nemorinos Zuneigung Adina fehlbesetzt war, denn im ersten Akt hörte man einige unglückliche gehauchte Töne und Unsauberheiten. Sie schien sich aber lediglich warmlaufen zu müssen: im zweiten Akt zeigte sie sich mit klarem und präzisem Ton, besonders bei „Una tenera occhiatina“. Weniger überzeugend war sie, als sie Nemorino schließlich ihre Liebe gestand, doch ihr stimmliches Feuerwerk in „Il mio rigor dimentica“ wog dieses dramatische Manko mehr als auf.

Ambrogio Maestris Dulcamara war ein überraschend komplexer Charakter – gierig und lustvoll, aber gleichzeitig ein scharfer Beobachter der Menschen um ihn herum, und ein cleverer Opportunist. Er dominierte die Bühne wann immer er auftrat und setzte sein Charisma und seine große Bassstimme sehr effektvoll ein. Als Belcore war Roman Burdenko besonders kaltschnäuzig – am Ende des ersten Aktes warf er Nemorino sogar eine Pistole zu! Sein selbstbewusstes Auftreten und sein Gesang waren effektiv aber vorhersehbar. In der Nebenrolle der Giannetta zeigte Méria Celeng ihren schönen Sopran und trug stolz ihr abstruses Kostüm und eine ebensolche Frisur. Der Frauenchor unterstützte sie gut und war besonders komisch, als sich die Sängerinnen im zweiten Akt alle zunächst in Hochzeitskleider und dann Nemorino an den Hals warfen.

Unter der Leitung von Asher Fish hielt das Bayerische Staatsorchester ein generell rasches Tempo, blieb dabei aber musikalisch präzise und sehr gut mit den Sängern abgestimmt. Gelegentlich schienen die Musiker jedoch etwas ängstlich in Bezug auf die Lautstärke, und ihre dynamische Spannbreite blieb daher eher eingeschränkt. Als dieses L'elisir d'amore endet, klettern Nemorino und Adina auf Dulcamaras seltsame mechanische Apparatur. Und dann geht es drunter und drüber – die Übertitel zeigen eine blinkende Fehlermeldung, das Bühnenlicht beginnt wild zu blinken, und Alkohol regnet auf die Dorfbewohner herab. Obwohl das Finale textlich gesehen ein Lebewohl an Dulcamara ist, feiern wir in Wirklichkeit den Triumph von Nemorinos kindischer Sturheit und Hoffnung. Zynische Zuschauer mögen da distanziert den Kopf schütteln angesichts der Tollheit, die sie auf der Bühne gesehen haben. Seien Sie keiner von denen. Zuschauer, die ein bisschen Kitsch akzeptieren können und bereit sind, sich von der Ehrlichkeit der Figuren einnehmen zu lassen, werden im Laufe dieser hinreißenden Show sowohl Herzeleid als auch Hochstimmung erleben.

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck

****1