Zu den Reizen Österreichs zählt in dieser Jahreszeit der Besuch bei einem der zahlreichen Festivals, die im ganzen Land stattfinden, wenn sich Frühling zu Sommer wendet. Die größeren Orte bedürfen keiner Vorstellung: Bregenz und Salzburg insbesondere sind wohlbekannt und wunderbar beeindruckend mit ihren großen Bühnen, zahllosen Mitarbeitern und ihrer malerischen Lage. Es gibt jedoch auch unzählige kleinere Festivals, die oft unbemerkt bleiben, doch bisweilen durchaus deinen Besuch wert sind. Das Festival Retz in Niederösterreich ist eines davon. Nur eine Bus- oder Bahnstunde von Wien entfernt liegt Retz nicht nur im Herzen des Weinviertels und ist damit einer der besten Orte, um mit einem Glas Grünem Veltliner anzustoßen, es kann sich gleichzeitig auch mit kleinen, aber beeindruckenden Sommerfestspielen von Konzerten und Opernproduktionen rühmen. Diesen Sommer stemmten die Festspiele eine Inszenierung von Händels dramatischen Oratorium Jephtha und bestätigten einmal mehr, dass Größe und finanzielle Zuschüsse nicht immer in direkter Verbindung mit Qualität stehen. Diese Produktion hat den Charme eines einfachen Kleinstadtunterfangens, mit einer Ausführung von Weltklasse.

Viel Lob gebührt dabei Monika Steiner, die seit 2006 für die Inszenierung des jährlichen Opernangebots verantwortlich ist. Ihre Interpretation von Thomas Morrells auf der biblischen Geschichte basierendem Libretto regt zum Nachdenken an, ist zeitgemäß und wird von Inge Stolterfohts einfachen, aber wirkungsvollen Kostümen provokant unterstrichen. Hut ab ebenfalls vor Dirigent Ewald Donhoffer, der sowohl das ausgezeichnete LABYRINTHvocalensemble als auch das wunderbare Ensemble Continuum mit müheloser Verve und nicht enden wollender Energie leitete.

In der ursprünglichen Geschichte leistet Jephtha (hier der außergewöhnliche Tenor Daniel Johannsen) einen Schwur: wenn er in seinem Kampf gegen die Ammoniten erfolgreich ist, wird er die erste Person opfern, die ihn nach der Schlacht begrüßt. Seine schuldlose Tochter, Iphis (Bernarda Bobro mit vollem, klingenden Sopran), überrascht ihn bei seiner Rückkehr mit Lied und Tanz und muss daher geopfert werden, aller Proteste seines Bruders (der wundervolle Bariton Günter Haumer) und seiner Frau (die dramatische Mezzosopranistin Monika Schwabegger) zum Trotz. In Morrells Fassung schreitet ein Engel (der hinreißende Knabensopran Manuel Haumer) ein und Iphis wird gerettet, muss jedoch ihr Leben dem Herrn widmen, anstatt ihren Geliebten Hamor (wirkungsvoll: Countertenor Nicholas Spanos) zu heiraten.

Steiners Lesart der etwas verstörenden, doch generell unterwürfig präsentierten Geschichte ist entschieden scharfkantig, besonders in Anbetracht der Tatsache, dass die Oper in der Stadtkirche gegeben wird und einem der religiöse Kontext immer bewusst ist. Anstatt Jephtha als Helden und sein Gottvertrauen und seine religiöse Überzeugung in einem positiven Licht darzustellen, wird seine Bereitwilligkeit, seine Tochter sprichwörtlich abzuschlachten statt seinen unbedachten Schwur zu widerrufen, gleichbedeutend mit religiöser Manie. Sein „Waft her, angels, through the skies“ erklang in einer wahnhaften Trance, nicht der üblichen würdevollen Ruhe, und es wird das ganze Stück hindurch deutlich, dass Jephthas Gesinnung nicht von seinen Untertanen oder seiner Familie geteilt wird. Den Chor der Israeliten in priesterliche Gewänder zu kleiden, deren henkersgleiche Kopfbedeckungen über die Augen gingen, unterstrich die fragwürdige Natur des institutionalisierten Glaubens wirkungsvoll. In gleicher Manier trägt die gesamte königliche Familie Leder, Stiefel und Fell zu wirrem Haar (einzige Ausnahme ist Iphis in jungfräulich weißer Robe) und erinnerte an einen primitiven Stamm von Jägern, nicht die eleganten, anmutigen Gestalten, die die Seiten einer illustrierten Kinderbibel zieren.

Nach dem Eingreifen des Engels wird Jephtha von seiner Familie entthront und Hamor nimmt seinen Platz ein. Die Priester nehmen im letzten Chor ihre Masken und die Bänder mit der Aufschrift „what ever is, is right“ ab und lassen dadurch auf die Wandlung von einer kriegerischen, blind blutdürstigen Gesellschaft hin zu einer Gesellschaft von individueller Innenschau und Frieden schließen. Das unterstreicht zudem den Text „Freed from war's destructive sword; Peace her plenty round shall spread“. Betrachtet man die Gewalttaten der letzten Wochen im Namen einer religiösen Überzeugung auf dem gesamten europäischen Kontinent kann man für einen Interpretationsansatz nur schwerlich einen aktuelleren Gedanken finden.

 

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

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