Die fünf Jahre alte Produktion von Offenbachs Les Contes d'Hoffmann der Metropolitan Opera kehrte mit einer bemerkenswerten Leistung von Vittorio Grigolo in der Titelrolle ins Repertoire zurück.

Bartlett Shers Inszenierung mit Michael Yeargans Bühnenbild funktioniert nicht ganz. Sie aktualisiert die Handlung in eine Zeit, in der Schreibmaschinen gerade die Neuigkeit waren und jeder Schwarz trug – mit dem allgemeinen Effekt, dass sogar der eigentlich „komische“ Prolog eintönig ist, wenn die Studenten an langen Tischen sitzen, das Gesicht zum Publikum, ganz und gar nicht ungestüm. Der Hintergrund ist schwarz. Die Muse – später Nicklausse – macht ihre Absicht klar: sie muss Hoffmann als Autor auf dem rechten Wege halten. Blätter fallen aus den Flügeln. Der Olympia-Akt ist ein Zirkus – eine schöne Idee, denn diese Situation hat einen Anker in der Realität (anders beispielsweise Spalanzanis Labor), mit vielen pink gekleideten, winzigen Ballerinen, und Olympia ist eine von ihnen. Menschen wirbeln Schirme mit aufgemalten Augen.

Der München-/Antonia-Akt, als zweites gespielt, ist wahrlich trostlos: nur ein Klavier, zwei Stühle, eine Stoffkulisse mit aufgemalten, kahlen Bäumen – ein bereits totes Zuhause (wir verstehen's ja!) – und doch sah es aus wie billigstes Gemeindetheater. Der Venedig-Akt allerdings ist der absolute Inbegriff der Sinnlichkeit: viele beinahe nackte Frauen, männliche Tänzer, die so etwas wie Pilates betreiben, nur aufeinander, historische Kostüme des 18. Jahrhunderts und viel gewaltiges Haar, und alles davon ziemlich hässlich. Giulietta stirbt in dieser Fassung übrigens nicht. Für das berühmte Septett werden Charaktere aus früheren Szenen – dem Zirkus – zurückgeholt und die gesamte Besetzung findet sich im Epilog, ebenso der schwarze Hintergrund. Einige der Figuren tragen Melone, andere Halbmasken. Vielleicht soll dieses Sammelsurium Hoffmanns kreative Talente im Schreiben zu erkennen geben. Es ist keine schlechte oder unintelligente oder ärgerliche Produktion, sie hat schlicht keinen Zusammenhang als Gesamtbild dieser komplexen Oper.

Ich wage jedoch zu sagen, dass die meisten Zuhörer Spaß damit hatten. Vittorio Grigolo war an der Met weder als Herzog von Mantua noch als Rodolfo besonders beeindruckend gewesen, doch hier als Hoffmann war er einfach spektakulär. Bildschön und agil auf der Bühne und meist schmeichelhaft am vorderen Bühnenrand platziert, schien seine Stimme größer als zuvor, doch genauso schön, rund und nuanciert. Hohe Töne schallten wie Trompetenstöße, und nach Jahren von Vorstellungen, in denen Herr Domingo (und die meisten anderen, mit Ausnahme von Alfredo Kraus) die meisten hohen Bs in den Ensembles des Antonia-Akts ausgelassen hat und sich in „O Dieu, de quelle ivresse“ schrecklich abgemüht hat, war Grigolos absolute Leichtigkeit und Kontrolle der Linie beinahe eine Offenbarung. Er porträtiert Hoffmann am Anfang jeden Aktes als ewigen Optimisten, kehrt am Ende immer wieder zu seiner Schreibmaschine zurück, und wenn er nicht den Pathos eine s Neil Shicoff hat, dann nehmen wir ihn auch ohne. Vielleicht ist das französische Repertoire der Ort, an den er gehört; ich werde die Augen nach seinem Des Grieux später in der Spielzeit offenhalten.

Thomas Hampson, der alle Schurken darstellt, arbeitet mittlerweile an purer Kunst anstatt stimmlichem Können. Seine Stimme ist kleiner geworden, die Trockenheit, die ihn als älterer Germont und Renato (in Ballo) unbefriedigend machte, zeigt sich hier. Er spielt großartig und gibt jedem Wort die richtige Betonung; er ist das Abbild das manipulativen Bösen. Aber in den Ensembles ist er kaum zu hören, und seine Solos – ein transponiertes „Scintille, diamant“ eingeschlossen – sind blass.

Als Muse/Nicklausse gibt Kate Lindsay eine prächtige Vorstellung. In dieser Inszenierung befindet sie sich fast konstant auf der Bühne, versucht (beharrt jedoch nicht darauf), Hoffmann von seinen Fehlern abzulenken, und erhält zwei zusätzliche große Solos – die „Violin“-Arie im Antonia-Akt und eine weitere im Epilog. Und auch die Barcarolle singt sie famos und klangschön.

Sopranistin Hilba Gerzmava gibt eine rührende Antonia, mit großer Stimme und ein paar scharfen Kanten in ihren hohen Tönen, bis hin zu ein paar markerschütternden Cis. Christine Rices Giulietta ist am besten in mittlerer Lage, hat sonst jedoch über ihre Figur nur wenig Neues zu sagen. Erin Morleys exzentrische Olympia gibt Anschauungsunterricht im Schauspiel, sowohl stimmlich als auch körperlich, und ihre makellosen Koloraturen bis hin zu einem perfekt platzierten Quietschen eines As' über hohem C erfreute den Zuhörer. Tony Stevenson glänzt in der Rolle der vier Diener, singt sogar Franz' Arie ohne übermäßige Possen, und David Pittsinger zeigt sich Respekt einflößend als Crespel und Luther. Dennis Petersen ist ein guter, schmieriger Zirkusdirektor Spalanzani, und Olesya Petrovkas Leistung als Antonias Mutter ist bewundernswert.

Im Orchestergraben könne Yves Abel in seiner Sicht auf das Werk kaum verschiedener als sein Vorgänger James Levine sein. Rasche Tempi durchweg, abgesehen von den wunderbaren Liebesduetten, in denen das Orchester schwelgt. Das Met-Orchester muss diese Musik lieben. Die gespielte Fassung ist die von Levine, eine Mischung von viel „Original“ (wenn es das gibt) und dem „neuen“ Material, das vor etwa 40 Jahren entdeckt wurde. Trotz der „Was ist das denn“-Produktion war dieser Abend ein großer Erfolg voller Energie und Romantik, und mit einem fabelhaften neuen Hoffmann.


Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

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