Diesmal, lieber Leser, möchte ich mit einem Ratschlag für das Hören von Schuberts weltlichem Oratorium Das Paradies und die Peri beginnen: wenn Ihnen viktorianisch-moralistische Sentimentalität und Ersatzorientalismus nicht behagt, legen Sie das Libretto beiseite und konzentrieren Sie sich nur auf die Musik - Sie werden reich belohnt werden, von Kaskaden von Melodie, erlesener Orchestrierung und schön gewichteten Gesangslinien, wobei…

Das Paradies und die Peri ist eine von vier Erzählungen in Thomas Moores orientalistischer Romanze Lalla Rookh, seinerzeit – vor ein paar hundert Jahren - ein Blockbuster. Doch man merkt ihr das Alter an: lang(atmig) und voller Verweise auf entlegene persische Orte und Geschehnisse, mit einer sentimentalen christlichen Botschaft von unklarem Bezug zur persischen Kultur. Emil Flechsigs deutsche Fassung ist eine deutliche Verbesserung – beträchtlich kürzer, kompakter und weniger anwidernd – aber es ist und bleibt ein schwieriger Text für moderne Ohren.

Schumanns Musik hingegen ist ein Werk von äußerster Schönheit, die kaum anders kann als einen zu verzaubern, und gestern Abend im Barbican kamen wir eindeutig in den Genuss eines zauberhaften Anfangs. Simon Rattle und die Streicher des LSO spielten mit so warmem und schimmerndem Ton, als wollten sie einen schneller als ein fliegender Teppich vom nördlichen Winter in ein wärmeres Klima versetzen. Dem an Wärme ebenbürtig war Bernarda Fink, erste der starbesetzten Solistenriege. Ihre hohe Lage war überraschend lieblich; sie bot die Balance und Feinheit einer Liedersängerin und füllte ihre Linien allein durch die Phrasierung mit Emotion, ein Anschwellen und Accellerando zeigte Aufregung, und ein wenig Zurückhaltung erzeugte Pathos.

Zu Finks liedhaftem Stil gesellte sich Mark Padmore und sang den Erzähler mit Feuer in den Augen und einer Innigkeit, die einer Bach-Passion würdig war. Seine volle und kräftige Stimme bildete einen schönen Kontrast zu Tenor Andrew Staples' klarerem und leichterem Timbre. In der Titelrolle des wunderschönen, gefallenen Wesens, das ins Paradies zurückzukehren sucht, begann Sally Matthews in weit dramatischerem, operatischem Stil, der nicht nahtlos zu dem der übrigen Solisten passte. Ihre Stimme war in der Mittellage warm und wohl gewichtet, in hoher Lage allerdings zeigte sie eine gewisse Härte, wo das vorherrschende Timbre bei Orchester wie Sängern ansonsten weich war.

Doch auch in Schumanns Musik ist nicht alles fein und lieblich, sie ist voller Überraschungen: die Geschichte des jungen Kriegers, der von seinem tyrannischen Feind zerstört wird, ist voller Beethoven'schem Sturm und Drang, unterbrochen von einem hohen Sopranchor von „weh! weh!“, der das Orchestra in einer Weise durchdringt, die mich an Teile aus Mozarts Requiem erinnert. An einem Punkt im ersten der vier Teile beginnt das Vokalquartett schwungvoll eine klassische Fuge, es gibt einige beeindruckende Choreinsätze, und das Werk von einem Platz nahe dem Orchester zu hören, lässt einen das Geschick erkennen, mit dem Schumann seine Streicher geteilt hat.

Der Höhepunkt des Werkes für mich kam am Ende des zweiten Teils, kurz vor der Pause, als die Peri der von der Pest befallenen Geliebten ein Wiegenlied (wenn das das richtige Wort dafür ist) singt und ihr aufträgt, wohl auf ewig zu schlafen, als die Peri ihren Sterbeseufzer gen Himmel trägt in der Hoffnung, dass dieses Geschenk ihr Zugang zu immerwährender Glücksseligkeit verschafft. Diese Empfindung mag peinich erscheinen, doch Schumanns Musik verwandelt sie in etwas gänzlich Überzeugendes, und Matthews glich ihre Stimme aus zu einer wunderschönen Darbietung.

Auch der dritte und vierte Teil waren melodie- und kontrastreich, Rattles Gefühl für Tempo und Balance zeigte das LSO weiterhin von seiner besten Seite, ein Quartett junger Sängerinnen der Guildhall School erregten echte Aufregung, und Florian Boesch verwöhnte uns mit einigen erlesenen cantante-Passagen. Im Großen und Ganzen aber hatte ich das Gefühl, dass die Aufführung nach der Pause der ersten Hälfte nicht gerecht wurde: vielleicht war der emotionale Höhepunkt zu früh angesetzt gewesen.

Das Paradies und die Peri ist in jedem Falle ein einzigartiges Werk abseits jeglicher Kategorie aus Schumanns Zeit, sei es Oratorium, Oper oder Kantate, wobei die Musik Schumann runder und vielfältiger zeigt als man ihn oft sieht. Es gehen Gerüchte um, dass Rattles Verbindung mit dem LSO mehr als nur ein Gastspiel ist. In Anbetracht des vergangenen Abends ist das eine spannende Aussicht.

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck

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