Wenn man eine Produktion von Calixto Bieito besucht, kann man sich ziemlich sicher sein, dass keine normalen Regeln gelten. In seiner Version von Rameaus Platée, das selbst in seiner Originalfassung 1745 als Ballet bouffon schon recht unorthodox war, war ein gewisses Maß an Verrücktheit noch wahrscheinlicher. Aber nichts bereitet einen auf das Maß an hochenergetischer Schrulligkeit vor, mit der einen Bieito und die Oper Stuttgart überfallen.

Thomas Walker (Platée), Shigeo Ishino (Momus) und Andreas Wolf (Jupiter) © A.T. Schaefer
Thomas Walker (Platée), Shigeo Ishino (Momus) und Andreas Wolf (Jupiter)
© A.T. Schaefer

Der Spaß beginnt nach etwa einem Drittel der Ouvertüre, als eine schwarz gekleidete Gestalt vom Bühnenrand zum Geländer über dem Podium läuft, dem Dirigenten gelangweilte Gesten macht und ihn schließlich aus dem Weg schubst und beginnt, das Orchestra selbst enthusiastisch zu dirigieren... was die Gestalt dann auch für den Rest des Abends tut, denn hinter dem schwarzen Gewand verbirgt sich Musikdirektor Hans Christoph Bünger. Die Orchesterdarbietung ist in der Tat das einzig Unschrullige an diesem Abend; sie war durchweg hell, optimistisch und lieblich. Keine Spur von historischen Instrumenten, was daran erinnert, das moderne Instrumente genauso schön klingen können, wenn sie Rameaus melodiöse, energiereiche Barockmusik spielen, wie mit neuerem Material.

Basisszenario von Platée ist, dass Merkur und einige andere eine List ersinnen, um Juno im Glauben an die Treue ihres Ehemannes zu bekräftigen. Dafür inszenieren sie eine Scheinhochzeit zwischen Jupiter und der hässlichsten Nymphe, die sie finden können – die unglückliche Auserwählte ist die hässliche Wassernymphe Platée. Die Menge an Binnengeschichte in Binnengeschichte, Travestie, Rollenverdopplung und genereller opéra bouffe-Possen reicht aus, um einen selbst in der vierten Reihe in einen Zustand enormer Verwirrung zu versetzten und dort zu lassen, und ich werde nicht einmal versuchen, ins Detail zu gehen. Aber bei der Inszenierung und diesen gesanglichen Leistungen machte das nicht viel aus.

Andreas Wolf (Jupiter) © A.T. Schaefer
Andreas Wolf (Jupiter)
© A.T. Schaefer

Die Titelrolle ist bei weitem die größte, und Tenor Thomas Walker gab sie mit Bravour. Die Natur der originalen französischen Stimme des haute-contre wird von Forschern heftig diskutiert; Walker sang in etwa einen konventionellen, leichten Tenor, der sich mit kaum hörbarem Bruch nach oben in Counter-Terrain streckt. Seine Stimme war beständig voller Charakter, er stöckelte auf der Bühne umher und lieferte seine komischen visuellen Gags als wäre er in einer viktorianischen Music Hall geboren worden.

Die zweite große Rolle ist „La Folie“, die im Zentrum des sehr langen Divertissement beim Hochzeitsbankett im zweiten Akt steht (Platée wurde für die Hochzeit von Louis XV mit der scheinbar eher einfarbigen Maria Theresa geschrieben – die Tatsache, dass Rameau nicht nur seinen Kopf behielt, sondern hernach auch noch eine königliche Anstellung erhielt beweist, dass französische Adlige der Zeit einen Sinn für Humor gehabt haben müssen). Lenneke Ruiten dominierte die Bühne, prächtig im weißen Tutu, mit weiß geschminktem Gesicht, Augen-Make-up wie ein Grufti, mit Mikrophonständer und elektrischer Gitarre (das Original verlangt nach einer Lyra), und ließ mit einem rockstargleichen „Bonjouuuuuuuur, Stuttgart!“ die Wände wackeln. Danach zeigte sich auch makellosen Barockgesang (ganz so, wie sie es zuvor schon in der Rolle von L'amour getan hatte) und einen klaren, starken und flexiblen Klang. Ihre Rockstar-Arie „Que les plaisirs les plus aimables“ war ein absoluter Hit.

Lenneke Ruiten (Amour / La Folie) © A.T. Schaefer
Lenneke Ruiten (Amour / La Folie)
© A.T. Schaefer

Auch in den Nebenrollen gab es starke Leistungen und keine wirklich schwachen Glieder. Besonders hervorheben möchte ich dabei Lauryna Bendžiūnaitė, mit ihrer besonders attraktiven, glockengleichen Stimme in der kleinen Rolle als Platées Freundin Clarine, und Cyril Auvity, grandios als intriganter Merkur und Poet Thespis (der all das eigentlich dichten soll, was man sieht).

Thomas Walker (Platée) und Andreas Wolf (Jupiter) © A.T. Schaefer
Thomas Walker (Platée) und Andreas Wolf (Jupiter)
© A.T. Schaefer
Es wäre nicht Bieito, wenn es keinen Sex, vorzugsweise homosexuellen, auf der Bühnen gäbe, und es gab zahlreiche erotische Anspielungen, vom relativ Diskreten (vier bloße Füße, die suggestiv wackelten) zum nicht einmal im Ansatz Diskreten (der größte umschnallbare Penis, den Sie je auf einer Opernbühne sehen werden, und unaussprechliche Dinge, die mit Staubwedeln getan werden), mit einer großen Bandbreite von recht subtilem Humor bis zu absolut unterster Schublade. Dem erotischen Inhalt stehe ich ziemlich neutral gegenüber – einiges davon war unterhaltsam, einiges eher ermüdend – ebenso einigen Inszenierungsscherzen, die lediglich bizarr waren, beispielsweise die Doppelgängerin von Königin Elisabeth II, die während der Hochzeit Blumen mampft. Aber die Optik der Inszenierung ist einfach famos. Anna Eiermanns Kostüme sind eine wahrer Tumult aus Schwarz, Weiß und Gold; Lydia Steiers Choreographie war konstant unterhaltsam, doch was einen richtig umhaute war die Inszenierung des Divertissements, das La Folies „Que les plaisirs“ folgte: Die Musik beruhigte sich in einen exquisit gespielten, lyrischen langsamen Satz, und Hunderte von Glühbirnen, die hoch oben und blau Junos Unwetter symbolisiert hatten, leuchteten plötzlich warm und golden und wurden auf die Höhe des Chores herabgelassen, der sie sacht wiegte, als die Musik einen einhüllte. Ein seltener und ganz besonderer visueller und musikalischer Genuss.

Als ich diesen Text beschließe, sinne ich über meine drei letzten Opern nach – den energetischen Wahnsinn von Platée, den gequälten psychologischen Existentialismus in Szymanowskis Król Roger und das traditionelle italienische Melodram La forza del destino – und kann nur staunen über die Qualität und die Vielfalt an Opern, die heutzutage geboten werden. Wir leben wahrlich in einem Goldenen Zeitalter der Darstellung.

 

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck