Die erste Wiederaufnahme von Axel Weidauers Inszenierung von Strawinskys The Rake’s Progress (2012) für die Oper Frankfurt bringt eine überwiegend neue Besetzung von Rollendebütanten mit sich, die zum hauseigenen Ensemble gehören. Mit amerikanischen Sängern in den beiden führenden Rollen war die Projektion von Audens und Kallmans englischem Text in guten Händen, wenngleich Theo Lebows Tom Rakewell gegen den gelegentlichen, typisch amerikanischen Vokal nicht immun war. Seine Interpretation der Rolle war unverblümt und körperlich, doch sein Tenor zeigte sich eher in der lyrischeren Musik der späteren Szenen in Bestform als im sorglosen Slapstick der ersten Auftritte seiner Figur.

Elizabeth Reiter (Anne Trulove) © Barbara Aumüller
Elizabeth Reiter (Anne Trulove)
© Barbara Aumüller

Elizabeth Reiters Anne Trulove bot an diesem Abend eine Darbietung, die zum Besten zählt, was ich seit langem von einer Mezzosopranistin gehört habe. Ihr Ton ist klar und überraschend „mezzo“, ihre Projektion des Textes bedeutungsvoll und ihre musikalische Phrasierung wohlüberlegt. Ihre lange Arie am Ende des ersten Aktes, „No word from Tom“, war ein Meisterwerk von Tempo und Charakterisierung, gestützt von ihrer beeindruckenden Umsetzung, und sie belebte das dramatische Geschehen, das bis zu diesem Zeitpunkt generell eine Weile gebraucht hatte, um Fahrt aufzunehmen.

Theo Lebow (Tom Rakewell) und Kihwan Sim (Nick Shadow) © Barbara Aumüller
Theo Lebow (Tom Rakewell) und Kihwan Sim (Nick Shadow)
© Barbara Aumüller

Der koreanische Bass Kihwan Sim in der Rolle des Nick Shadow bot einen vollen Klang, wenngleich sein oft beklagenswertes Englisch die Frage aufwarf, ob er damit im Deutschen davongekommen wäre. Kein solches Problem gab es mit Tanja Ariane Baumgartners lebendig gezeichneter Türkenbab – jedes ihrer Worte erzählte, selbst im Geplapper der komischen Szene, in der sie bis zum Gehtnichtmehr an ihrem neuen Ehemann herumnörgelt, und ihr gehört jede Szene, in der sie auftritt. Alfred Reiter (nicht verwandt mit Elizabeth Reiter) zeigte sich als Annes Vater etwas steif, doch ich vermute, dass die Rolle das mit sich bringt; Peter Marsh beeindruckte als Auktionator Sellem und Barnaby Reas kurzer Auftritt als Wärter des Irrenhauses war reine Luxusbesetzung. Nur Barbara Zechmeisters Mutter Gans, die Bordellbetreiberin, hinterließ einen blassen Eindruck.

Bei seinem Hausdebüt leitete der italienische Spezialist für Musik des 20. Jahrhunderts Tito Ceccherini eine straffe, dynamische Lesart der Partitur, wenngleich es einige Balanceprobleme zwischen der Bühne und dem gehobenen Graben gab, wenn Sänger über den Klang des vollen Orchesters zu singen hatten. Doch die Vorstellung war erfolgreich darin, Strawinskys Vorstellung eines neu konzipierten, Mozart’schen Klanges zu transportieren. Der Chor holte das Beste aus seinen Szenen heraus und In Sun Suhs vollendetes Cembalospiel, das Toms Wahnsinnsszene begleitete, verdient besonderes Lob.

Tanja Ariane Baumgartner (die Türkenbab) © Barbara Aumüller
Tanja Ariane Baumgartner (die Türkenbab)
© Barbara Aumüller

Weidauers Inszenierung altert gut und wurde von Alan Barnes präzise wiederaufgenommen. Moritz Nitsche und Berit Mohrs Designs spielen mit Elementen quer durch die Jahrhunderte; das Bühnenbild zeigt sowohl Glitter als auch Gloom, und die Kostüme reichen von gepuderten Perücken zu Art-déco. Wenn die Produktion in den ersten Szenen etwas brav erscheint, nehmen die Dinge in Akt II mit der Ankunft der Türkenbab Fahrt auf, die hier keine bärtige Dame in einer Sänfte ist, sondern eine Frau, der die gesamte untere Körperhälfte fehlt und die sich in einem Container versteckt – ihre „Enthüllung“ kam an diesem Abend sicherlich etwas früher als vorgesehen, doch es gibt ein paar elegante Bühnentricks, wenn Tom sich später entnervt der Türkenbab entledigt und sie letztlich zu voller Größe hochgezogen wird. Die letzte Konfrontation von Tom und Shadow ist packend inszeniert; der Wüstling verfällt dem Wahnsinn auf berührende und passend düstere Weise, und das Don Giovanni-eske, moralisierende Sextett ist eine lärmend zusammenfassende Angelegenheit.

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

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