Eine Oper wie Salome, die an eine bestimmte Zeit und einen bestimmten Ort gebunden ist, in einen modernen Handlungsrahmen zu versetzen, ist eine schwierige Angelegenheit. In der neuen Produktion der Oper Stuttgart hat der russische Regisseur Kirill Serebrennikov die Geschichte der sexverrückten, blutdürstigen Teenager-Prinzessin aus biblischen Zeiten in das Wohnzimmer eines wohlhabenden, europäischen Haushalts verlegt, doch das ist erst der Anfang. Er hat die Handlung in den Kontext des heutigen Konflikts im Mittleren Osten und des Isis-geleiteten Terrorismus gestellt. Trotz einiger fehlender Zusammenhänge war die Inszenierung im Allgemeinen unglaublich packend und forderte das Publikum heraus, über den Tellerrand „hinauszudenken“. Als ein Bildschirm an der hinteren Bühnenwand Bilder eines islamischen Terroristen (ein Schauspieler, der Jochanaan darstellte) in orangefarbenem Overall zeigte, der von Herodes' Männern enthauptet wird, konnte man sich der Gedanken an einen endlosen Kreislauf der Gewalt, der die Geschichte der Menschheit zeichnet, nicht erwehren.

Salome wurde als gelangweilter Teenager dargestellt, süchtig nach brutalen Amine-Serien und Cosplay. Das Haus war streng bewacht von Männern mit Pistolen und Videomonitoren. Im Keller zeterte ein Muslim auf Arabisch. Serebrennikov entschied sich dafür, Jochanaan in eine Stimme (hervorragend gesungen von Iain Paterson) und einem Bühnenschauspieler (großäugig: Yasin El Harrouk) zu teilen. Als ich mich daran gewöhnt hatte, dass Paterson von einer Ecke der Bühne aus sang, während El Harrouk meist herumgeschubst wurde, begann ich mich zu fragen, ob Jochanaans Worte über den Messias nicht zur auf Jesus Christus, sondern auch auf Mohammed zutreffen könnte.

Es gab einige visuelle Ablenkungen. Herodias vergnügte sich während einer Dinnerparty öffentlich in einem Dreier mit zwei Leibwächtern; Arabische Schriftzeichen blitzen auf dem Bildschirm, als Jochanaan sang, und während des Tanzes der Sieben Schleier. Salome tanzte überhaupt nicht sondern saß missmutig in pinkem Tutu und Schmetterlingsflügeln, während Herodes und seine halbnackten Diener an ihrer statt tanzten. Narroboth tötete sich nicht selbst, sondern wurde von einem der Männer erschossen; später kehrte er unerwartet wieder, um es mit dem Pagen zu treiben. Auf dem Bildschirm wurden TV-Ausschnitte des Konflikts im Mittleren Osten gezeigt, die Morde und durch Isis zerstörte Kulturgüter sowie Deutschland, das optimistisch Flüchtlinge aufnimmt und eine jubelnde Angela Merkel bei einem Fußballspiel. Diese vertrauten Bilder nahmen in einer Oper, die menschliche Gier und Brutalität zeigt, eine schmerzliche Bedeutung an. Werden wir nie aus der Vergangenheit lernen? Sind wir auf ewig der Torheit verfallen, in der wir nicht bemerken, dass jede Handlung unerwartete Konsequenzen haben wird? Das letzte Bild der Oper war frappant in seiner schlichten Endgültigkeit. Jeder ließ Salome allein, um ihren Monolog an Jochanaans Kopf abzuschließen, sowohl als Person als auch auf dem Bildschirm. Dann ging sie leise die Treppe hinauf, die zum Schlafzimmer ihrer Eltern führte, und stand am Fenster, wo sie ihren Richter mit der Pistole erwartete, als die Bühne dunkel wurde.

Die Vorstellung war musikalisch ausgezeichnet. Roland Kluttig leitete einen frische Interpretation von Strauss' notorisch komplexer Partitur, die die Klarheit der lyrischen Linien betonte. Die Holzbläser waren sowohl am essentiellen Anfang als auch in den Übergangsszenen exquisit; Blech und Schlagwerk arbeiteten die innovativen musikalischen Strukturen heraus, die 1905 so schockierend gewesen waren. Kluttig nahm alles in raschem Tempo in einer Vorstellung von etwa 105 Minuten. Die Lautstärke war kontrolliert, sodass die Sänger die übertönt wurden. Dank der Regie fand auch der Großteil des Gesanges dem Bühnenrand nahe und nach vorn gerichtet statt, sodass ein jeder Sänger gut hörbar war.

Die Rolle der Salome verlangt von einer Sängerin einen großen Umfang, und doch bewegt sie sich dabei meist in hoher Lage. Sie befindet sich für einen Großteil der Oper auf der Bühne, und ihre anfängliche, lange Szene mit Jochanaan und ihr abschließender Monolog, der in eine aufregende stimmliche Klimax mündet („Ich habe deinen Mund geküsst, Jochanaan“), verlangen einen dramatischen Sopran mit große Ausdauer. Simone Schneider meisterte diese Herausforderung wunderbar. Ihre dunkle Stimme legte sich mühelos über das Orchester, und während sie stimmlich intensiver hätte sein können, spielte die den rebellischen Teenager überzeugend.

Iain Paterson sang einen fein nuancierten Propheten mit seinem beeindruckendem stimmlichen Charisma. Matthias Klink gab einen jugendlichen Herodes mit klarer Stimme, der auch die strapaziösen Spitzentöne der Rolle stemmte. Claudia Mahnke, mit blonder Perücke, sang eine sinnliche Herodias, die mit ihrer Tochter im Wettbewerb um männliche Aufmerksamkeit stand. Auch die Nebenrollen waren gut besetzt und beeindruckend gesungen.

Mehr als alles andere hielt diese moderne Salome das Publikum in ständiger Angst mit ihrem Ansturm von tatsächlicher und erwarteter visueller Gewalt, die zu der Musik, ewig unruhig und ursprünglich, gut passte. Eine wahrlich passende Produktion in unserer neuen Welt des Terrorismus.



Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

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