Verdi ist König in Mailand, und die letzte Vorstellung der Spielzeit mit Simon Boccanegra bildete einen königlichen Abschluss. Eröffnet wurde der Verdi-Kreis in dieser Spielzeit mit La traviata (vielleicht ein Versuch, all diejenigen zu besänftigen, die vom letztjährigen Wagner-Eröffnungsfiasko verärgert waren), doch Boccanegra ist ganz anders als Traviata: dunkel, mysteriös und voll der Düsternis, die die späteren Werke des Komponisten prägen. Plácido Domingo wird an der Spitze des anderen Hälfte dieser Doppelbesetzung stehen, doch an diesem Abend kamen wir in den Genuss des echteren Baritons von Leo Nucci, dessen Leistung in dieser Rolle etwas ganz Besonderes war.

Wie das mittelalterliche Zentrum des modernen Genua windet sich die faszinierende Handlung auf verwirrende Weise. Boccanegra hat bereits die Spur seiner unehelichen Tochter verloren, findet dann Maria tot, bevor der Protagonist unwillentlich durch seinen Verbündeten Paolo in den Stand eines Dogen gehoben wird. 25 Jahre später entpuppt sich Amelia als Boccanegras Tochter, unter der Vormundschaft des Feindes und politischen Exilanten Fiesco (der sich hinter dem Namen Andrea versteckt), doch als der Doge Amelia mit Adorno verheiratet, führt diese Wendung der Ereignisse dazu, dass Paolo Boccanegra tödlich vergiftet. Es ist eine so zähflüssige wie pechschwarze Geschichte, und als die Streitigkeiten zwischen Plebejern und Patriziern dazugegeben wird, nicht zu vergessen die Streitigkeiten zwischen Welfen und Ghibellinen, kann man sich freuen, dass Federico Tiezzis Inszenierung gut funktioniert und uns durch diese Handlung führt.

Zunächst werden wir ins raue, maritime Genua geworfen, wo die Umrisse von Seefahrern vor einem dämmrigen Hintergrund an Seilen arbeiten. Historische Kostüme ankern die Handlung im Mittelalter, während moderne Kleckse den Zuschauer dazu herausfordern, Geschehnisse auch auf die heutige Zeit zu übertragen.

Tiezzis Reihe von fünf Schauplätzen schaut weit voraus und bildet einen visuellen Bogen, der Boccanegras Aufstieg und Fall spiegelt. Das Grau der Eröffnungsszene wandelt sich in einen See von prächtigem Rot und Gold für die zentrale Szene im Rathaussaal, bevor schließlich für den Tod des Dogen wieder zur Dunkelheit zurückkehrt. Die Produktion arbeitet weise die Details heraus, anstatt zusätzliche Ebenen hinzuzufügen, sodass das verzweifelte Winden einer Reihe Frauen, die Marias Tod betrauern, die schimmernde Melancholie von Verdis Musik unterstreicht.

Boccanegra war in der Senatssaal-Szene überaus dominierend, denn Nuccis Portrait des fragilen Anführers hatte all die tief verwurzelte Autorität, um das Meer von nach Krieg gegen Venedig schreienden Patriziern zu teilen, die hier von einem erstklassigen Chor mit ohrenbetäubender Bosheit dargestellt wurden. Nucci, dessen Stimme in der Reife eine herrliche eichige Qualität entwickelt hat, ist für seine intensive Vorbereitung einer Rolle bekannt. Eine solch Ehrfurcht gebietende Interpretation aber hätten wir nicht zu hoffen gewagt, die weniger gesungen als mit jeder Faser seines Körpers gelebt war. Seine Versöhnung mit Amelia war ein Moment von atemberaubender Spannung – die langsam dämmernde Erkenntnis seiner Tochter, der Augenblick, in dem wir den Groschen fallen sahen, bevor das Orchester in eine große Freudenwelle ausbrach und entwurzelte Bäume herabgelassen wurden, die die graue Szenerie in ein grünes Paradies verwandelten.

Musikalisch war es eine hochwertige Vorstellung, wenngleich einzelne Leistungen nicht immer makellos waren. Carmen Giannattasio hatte die richtige stimmliche Reinheit, um die brave Amelia darzustellen, doch der Vortrag des gewaltigen Alexander Tsymbalyuk war trotz seines optisch ansprechenden Fiescos hölzern. Ramón Vargas' Adorno war gelegentlich etwas schwunglos mit pantomimischen Gesten, doch die Rettung war sein Gesang, kommunikativ, glockenklar und frei, doch immer geerdet. Die größte Offenbarung war Vitaliy Bilyys Paolo. Sein frecher Bariton durchflutete das Theater und strahlte untergebenes Entsetzen aus, als er sich auf Boccanegras Anweisung hin mit den Worten „Sia maledetto“ selbst verflucht. Jedes Risiko von stockenden, langen Dialogen wurde von Stefano Ranzanis Orchester umschifft, das straff und schlank immer bereit war für plötzlichen Umschwung der musikalischen Stimmung.

Musik und Optik passten in dieser Vorstellung angenehm natürlich zusammen. Nur ganz am Ende erlag Tiezzi der Gefahr, die Vorstellung mit einer übergroßen Idee zu ersticken. Als Simon stirbt, hebt sich die Bühne und gibt den Blick frei auf eine Menge Trauernder in Kleidung aus der Zeit des Risorgimento. Ein Spiegel wird herabgelassen und gegen den Graben gekippt, um das Orchester für das Publikum sichtbar zu reflektieren. Die Bilder waren unklar und standen außerhalb jeden Zusammenhangs, und sie lenkten ab von etwas, das ansonsten eine bewegende Szene gewesen wäre.

Dies war ein kleiner Schönheitsfehler in einer Vorstellung, die trotz allem aufgrund ihres starken emotionalen Eindrucks in Erinnerung bleiben wird. Kurz vor dem Spiegelstunt lag Boccanegra zuckend in seinem goldenen Thron. Das zerklüftete Bühnenbild verschwand, bevor die Bühne in tiefes Blau getaucht wurde. Boccanegra war einsam, doch in den Armen seines früheren Erzfeindes Fiesco. Es war ein unheimlich kraftvoller Moment, und einer von vielen, in denen Verdis Drama am hellsten strahlte. Dies war eine Vorstellung für Verdi-Jünger, und sie mag sogar das ein oder andere erzürnte Herz für sich gewonnen haben.



Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

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