Mit Ausnahme von Nabucco bekommen frühe Verdi-Werke schlechte Presse, wohingegen die Werke Friedrich Schillers nach wie vor verehrt werden. In Anbetracht der gestrigen Vorstellung in der Scala von VerdiGiovanna d'Arco (Jeanne d'Arc), die auf Schillers Jungfrau von Orleans basiert, scheinen mir die Kritiker in beiden Fällen falschzuliegen.

Anna Netrebko (Giovanna) © Marco Brescia & Rudy Amisano | Teatro alla Scala
Anna Netrebko (Giovanna)
© Marco Brescia & Rudy Amisano | Teatro alla Scala

Möglicherweise ist diese Ansicht von der Qualität der Künstler beeinflusst. Es war das erste Mal, dass ich Riccardo Chailly Oper habe live dirigieren sehen und jetzt verstehe ich, worum so großes Aufheben gemacht wird: diese Orchesterleistung war so perfekt wie sie nur sein könnte. Es war die erreichte Sicherheit, die mich beeindruckte: durchweg vermittelte das Orchester den Eindruck einer gespannten Feder, bereit für die nächste Vorwärtsbewegung in der Handlung. Man sagt von der Musik zu Giovanna d'Arco, sie bestünde aus Effekten; Substanz fehle ihr. Ich kann nur sagen, dass diese Effekte ihre Wirkung bei mir nicht verloren waren. Die großen, kriegerischen Chöre und Märsche waren so kraftvoll und mitreißend, während jede Linie der zarten Holzbläsereinwürde Form und Farbe hatten.

Anna Netrebko (Giovanna) und Francesco Meli (Carlo) © Marco Brescia & Rudy Amisano | Teatro alla Scala
Anna Netrebko (Giovanna) und Francesco Meli (Carlo)
© Marco Brescia & Rudy Amisano | Teatro alla Scala

Es ist schwer, sich derzeit ein besseres Sopran-Tenor-Paar für Verdi vorzustellen als Anna Netrebko und Francesco Meli. Ihre Stimmen teilen sich viel Gutes: genug Kraft, um einen großen Raum wie die Scala ohne jegliche Anzeichen von Anstrengung zu füllen, sahnige Weichheit im Ton durch den ganzen Ambitus, ausgezeichnete Kontrolle über Dynamik und Phrasierungen, die es ihnen gestatten, einer Linie Farbe und Bedeutung zu verleihen. Melis Stimme besitzt außerdem einen Hauch zusätzlichen Biss: er kann nicht nur wie ein Belcanto-Smoothie, sondern auch gefährlich klingen. Netrebko scheint Jahr um Jahr besser zu werden, ihren Text mit Gefühl zu singen anstatt bloßem Theater.

Doch der herausragende Auftritt des Abends war weder der Melis noch der Netrebkos, sondern der Carlos Álvarez in der Rolle von Giovannas Vater Giacomo. Sein Rezitativ und Arie „Ecco il loco … Speme al vecchio“, gesungen in Reims, als er auf den Moment wartet, indem er seine eigene Tochter öffentlich der Hexerei bezichtigt, war ein Meisterwerk Verdi'scher Baritonkunst: glühend, eben, voller Pathos. Ich könnte bekritteln, dass Álvarez' Stimme ein bisschen zu glatt ist für diese Rolle (eher ein Graf Luna als ein grauer, alter Mann), doch diese Arie raubte mir den Atem.

Das Problem bei Giovanna d'Arco ist, dass das Drama einer eingehenden Prüfung nicht standhält. Die gesamte Handlung wendet sich bei Giovannas Weigerung, sich gegen Giacomos Beschuldigung zu verteidigen, offenbar aus dem kläglichen Grund, dass sie vorübergehend eine weltliche Liebe mit König Carlo in Betracht gezogen hatte (eine Überlegung, die unvollzogen bleibt), damit gegen die Engelsstimmen ungehorsam war und weltliche Bestrafung verdient. Wir alle wissen, dass Johanna sterben und in den Himmel kommen wird, und Temistocle Soleras Libretto bietet nicht genug Substanz, um ihr Dilemma glaubwürdig zu machen; es ist darum schwer, in der zweiten Hälfte der Oper jegliche Form von dramatischem Interesse aufrecht zu erhalten.

Anna Netrebko (Giovanna) © Marco Brescia & Rudy Amisano | Teatro alla Scala
Anna Netrebko (Giovanna)
© Marco Brescia & Rudy Amisano | Teatro alla Scala

Angesichts dieses schwierigen Textes tun Moshe Leiser und Patrice Caurier ihr Bestes und wählen visuelle Effekte, um Leben in die Handlung zu bringen. Ihr Rahmen ist praktisch „es ist nur in ihrem Kopf“, was uns dadurch gezeigt wird, dass Giovanna und Giacomo Kleidung des 19. Jahrhunderts tragen (außer, wenn sie die goldene Rüstung anlegt). In der Ouvertüre sehen wir ein Tableau des Vaters am Krankenbett seiner Tochter in einem Zimmer, das genauso gut für den dritten Akt in La traviata hätte verwendet werden können. Doch die dämonische Seite von Giovannas Visionen werden brillant real, zuerst in Videoprojektionen, dann als physische Dämonen, die die Szene stürmen (die geflügelten Engel am Ende sind weniger wirkungsvoll). Der mittelalterliche Handlungsort ist bis zum Äußersten stilisiert und der König tritt als eine der mit Körperfarbe vergoldeten lebenden Statuen auf, die sich in den Ramblas in Barcelona reihen (und sich seither in vielen anderen Städten gezeigt haben). Das ist noch eindrucksvoller im zweiten Teil der Oper, als er als seine eigene Reiterstatue auf einem vergoldeten Pferd auftaucht. Als Giovanna in einer Vision Jesus mit dem Kreuz auf den Schultern sieht, das er ihr zum Tragen reicht, ist der visuelle Effekt wirkungsvoll und denkwürdig.

In einem Urheberschaftsstreit stritt Solera ab, dass sein Libretto auf dem Schiller-Drama basierte – etwas, das man heutzutage generell außer Acht lässt – und ich werde nun Schiller lesen müssen, um mir selbst ein Bild zu machen. George Bernard Shaws St Joan würde ich dem jederzeit vorziehen, doch ich könnte mir keinen großartiger gesungenen und gespielten Verdi-Abend vorstellen.

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

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