Wer Franz Welser-Möst am Ende dieses Konzerts beobachtet hat, hätte nicht gedacht, dass er gerade Schostakowitschs granitene Achte Symphonie dirigiert hatte. Nicht ein Haar war zerzaust, kein Schweißtropfen war zu sehen. Sein Taktschlag ist luftig, seine Hände steigen selten über Augenhöhe. Hätte man die Musik stummgeschaltet, hätte er genauso gut einen Strauss-Walzer dirigieren können. Er ist wahrscheinlich der zurückhaltendste Dirigent, den ich je auf einem Podium gesehen habe, und doch waren die Reaktionen, die er dem Cleveland Orchestra entlockte, messerscharf; die kleinste Geste reichte aus, um das heftigste Fortissimo auszulösen.

Dies ist Welser-Mösts 25. und letzte Saison als Musikdirektor der Clevelanders, womit er George Szells 24-jährige Amtszeit (1946–70) übertrifft und zum dienstältesten Chefdirigenten des Orchesters wird. Gegen Ende einer 15 Konzerte umfassenden Europatournee durch 12 Städte, von Hamburg bis Athen, geben sie drei Konzerte in Wien – wo Welser-Möst hochgeschätzt wird –, zwei im Musikverein und eines im Konzerthaus.
Dieser zweite Abend im Musikverein begann mit einem Ausschnitt aus Richard Strauss’ Daphne – einer Oper, die Welser-Möst jenseits der Ringstraße an der Staatsoper noch nie dirigiert hat. Die Einleitung und die abschließende Verwandlungsszene, in der sich Daphne in einen Lorbeerbaum verwandelt, um der lüsternen Verfolgung durch den Gott Apollon zu entkommen, bilden eine gelungene 20-minütige Suite. Das TCO gilt seit langem als das am europäischsten klingende amerikanische Orchester, und seine warmen, süßlichen Streicher sowie die butterweichen Hörner passen perfekt zum Musikverein. Doch der Star von Strauss’ bukolischer Musik war Frank Rosenwein, langjähriger erster Oboist, dessen pastorale Melodien sich mit einem honigsüßen Ton entfalteten. Silberne Obertöne der Streicher tauchten die Schlussseiten in mondhelles Schimmern, während Konzertmeister Joel Link Daphnes wortlose Vokalise beisteuerte.
Dmitri Schostakowitsch bezeichnete seine während des Krieges entstandenen Siebte und Achte Symphonie als sein Requiem. Die Siebte wurde wegen ihres Aufbegehrens gegen die Invasion der Nazis in Leningrad gefeiert, doch die 1943 komponierte Achte ist düster – nach den Worten des Komponisten ein „Gedicht des Leidens“, das ebenso sehr vom Leid der sowjetischen Bürger unter Stalin handelt wie von fremden Mächten. Die Symphonie wurde von Andrej Schdanow, dem Kulturminister, verurteilt, der sie mit „einem durchdringenden Zahnarztbohrer, einer musikalischen Gaskammer“ verglich; sie wurde 1948 offiziell zensiert und verboten, die Partituren mussten eingezogen und die Aufnahmen vernichtet werden.
Von ihrem unheilvoll anmutenden Streichermotiv zu Beginn an war die Aufführung dieser düsteren Partitur durch das Cleveland Orchestra relativ zügig (60 Minuten) und sachlich. Welser-Mösts Schostakowitsch keucht und stöhnt nicht – in den beiden Scherzi hätte man sich stellenweise etwas mehr Biss gewünscht –, doch er lotste das Publikum meisterhaft durch den Bogen der fünf Sätze. Die Vertrautheit des Dirigenten mit der Akustik des Musikvereins war entscheidend für den Erfolg. Welser-Möst weiß genau, an welchen Stellen die Dynamik von Schostakowitschs rasenden Höhepunkten den Saal überlasten kann, dennoch wirkte der Gesamtklang nie überladen.
Die Aufführung stellte zudem die herausragenden Solisten des Cleveland Orchestra in den Vordergrund: Robert Walters’ kraftvolle Englischhorn-Klage im langen ersten Satz; Nathaniel Silberschlags weiches Horn im düsteren vierten; das scherzhafte Fagott der stellvertretenden Solistin Catherine Van Handel, das das Finale eröffnete. Die Holzbläser waren außergewöhnlich und untermalten die motorische Toccata des zweiten Scherzos mit wilden Schreien, während die neun Kontrabässe ihre Pizzicato-Schüsse wie ein Bogen abfeuerten, der einen Pfeil loslässt.
Die Clevelanders blicken auf eine Tradition akribischer Dirigenten zurück, die technische Perfektion forderten und so ein beneidenswertes Erbe schufen. Szell erhielt noch Jahrzehnte nach seinem Tod großartige Kritiken. Ich hoffe, dass Welser-Möst auch in zwanzig Jahren noch dafür gewürdigt wird, die ganz besonderen Qualitäten dieses Orchesters bewahrt zu haben.
Ins Deutsche übertragen von Elisabeth Schwarz.



















