Alban Bergs Wozzeck ist weder Touristenmagnet noch Kassenschlager, was sich an diesem Samstagabend angesichts vieler leerer Plätze leider nicht leugnen lässt; dabei entgeht all jenen, die nicht an der Wiener Staatsoper dabei waren, ein szenisch sowie vor allem orchestral aufregender Opernabend. Simon Stone siedelt die Geschichte im modernen Wien an, wobei er nicht plakative Armut auf die Bühne bringt, sondern den Fokus auf soziale Spannungen legt.

Zwischen Würstelstand, AMS und U-Bahn-Station spielt sich die Handlung ab, in der Marie und Wozzeck zwar nicht wirklich in prekären Verhältnissen leben – die gemeinsame Zweizimmerwohnung ist zwar spärlich eingerichtet, aber nicht offensichtlich baufällig und der gemeinsame Sohn trägt saubere Kleidung – aber Geld dennoch Mangelware ist und der Alltag ein Kampf ums Überleben und das Bewahren persönlicher Würde darstellt. Beide versuchen nach außen hin, den Schein zu wahren, stehen aber dennoch am Rand der Gesellschaft, was vor allem in der Interaktion mit den sozial besser gestellten Charakteren deutlich wird, wobei der Regisseur hier auf detaillierte Personenregie und feine Details achtet.
So wird durch Kleidung, Verhalten und Manierismen die Zugehörigkeit zur jeweiligen sozialen Schicht verdeutlicht – und die Unmöglichkeit, dieser wirklich zu entkommen. Während Wozzeck daran zunehmend verzweifelt, versucht Marie, den sozialen Aufstieg durch ihre Beziehung zum Tambourmajor, der in dieser Inszenierung Streifenpolizist ist, zu schaffen. Diese Herangehensweise von Stone ist bedrückend aktuell, denn genau solche Geschichten spielen sich tagtäglich in ganz Österreich tatsächlich ab; und nicht selten enden sie – sowohl in der Realität als auch in der Oper – schlussendlich mit einem Femizid.

Johannes Martin Kränzle stellte den Wozzeck dabei als erschreckend normalen, unauffälligen Mann dar – jemand, über den die Nachbarn wohl sagen würden, dass niemand habe ahnen können, dass er so eine schreckliche Tat begehen könne. Und auch stimmlich zieht sich diese Harmlosigkeit durch; Kränzle verleiht der Figur mit geschmeidigem Bariton zwar Wohlklang und eine große Portion Menschlichkeit, lässt aber die rohe Verzweiflung vermissen, die seinen Abstieg in den Wahn und die Gewalt begleitet.
Marlis Petersen legt die Marie als selbstbewusste Frau an, die wenig für Sentimentalität oder große Gefühle übrig hat, sondern tut, was auch immer ihre Lebenssituation verbessern könnte. So schimmern in ihrer Stimme etwa kühle Farben, wenn sie den Avancen des Tambourmajors nachgibt und auch die Wechselhaftigkeit der Beziehung Maries zu ihrem Kind verdeutlicht Petersen mit ihrem Sopran, den sie einerseits weich und gefühlvoll strahlen und andererseits pragmatisch emotionslos klingen lässt.

Jörg Schneider legt den Hauptmann nicht als offenkundigen Sadisten an, seine Grausamkeit offenbart sich mehr in den subtilen Sticheleien, im spöttischen Tonfall, den er mit seinem hell timbrierten Tenor wunderbar auskostet und in seiner wie selbstverständlich ausgelebten Überlegenheit gegenüber Wozzeck. Kein Wunder also, dass dieser davon fantasiert, nach dem Rasieren ein Massaker an der polizeilichen Führungsriege zu begehen. Auch Dmitry Golovnins Tambourmajor ist in dieser Inszenierung nicht der strahlende Held, sondern ein eher zweifelhafter Charakter, der seine Macht ausnützt; vokal wäre mehr aus der Partie herauszuholen gewesen, als Golovnin es machte, denn seine Stimme klingt zuweilen scharf und angestrengt.

Dmitry Belosselskiy lässt als Doktor leider ziemlich die Textverständlichkeit vermissen, gestaltet aber den Zyniker stimmlich und darstellerisch überzeugend, wobei er manchmal damit zu kämpfen hatte, nicht im Orchester unterzugehen. Daniel Jenz bleibt als Andres blass; mit vollem darstellerischem Einsatz gestaltete hingegen Monika Bohinec die Margret und Andrea Giovannini gab mit höhnischen Farben in der Stimme einen pointierten Narr. Mit großer Präzision warten Chor und Kinderchor auf, wobei auch die darstellerische Leistung von Felix Pöter als Sohn von Marie und Wozzeck hervorsticht.
Dass das Wiener Staatsopernorchester bei Werken des deutschen Repertoires des frühen 20. Jahrhunderts immer besonders motiviert ans Werk geht, ist wohlbekannt; ebenso die Tatsache, dass die Musikerinnen und Musiker die Zusammenarbeit mit Franz Welser-Möst besonders schätzen. Und so war im Orchestergraben an diesem Abend alles angerichtet für einen packenden Trip durch Bergs Partitur: abgründig schimmernd gestalteten Orchester und Dirigent vom ersten Ton an die Klangwelten, die Streicher nahmen dabei eine schon fast bedrohliche Note an, so als ob sie die verklanglichte Vorausahnung des unglücklichen Endes der Geschichte wären.

Aber auch sanfte, romantische Momente des Innehaltens und der Hoffnung inmitten der Ausweglosigkeit bot Welser-Möst Raum, wodurch die dramaturgische Fallhöhe noch verstärkt wurde. Lediglich etwas zu viel Forte schlich sich dann und wann ein – was zwar für ein beeindruckendes Klangerlebnis sorgte, jedoch manche der Sänger etwas in Bedrängnis brachte; wobei dieser Eindruck durchaus auch auf die akustischen Besonderheiten des Parterres der Staatsoper zurückzuführen sein kann, in dem das Orchester oft deutlich prominenter klingt als beispielsweise im ersten Rang.






















