Aufgrund eines schweren Bandscheibenvorfalls an der Halswirbelsäule und eines eingeklemmten Nervs musste Hilary Hahn lange pausieren. Doch auf der Tournee mit den Wiener Philharmonikern unter Tugan Sokhiev, die auch beim Musikfest Halt machten, war sie nun endlich wieder in Berlin zu hören.

In Dvořáks Violinkonzert, das sich als Gegenüber von subjektiver Innerlichkeit der Sologeige und repräsentierter Realität des Orchesters hören lässst, drückt das Kollektiv die Einzelstimme mitunter herunter – zu Recht hat Sokhiev die Wiener Philharmoniker mehrfach regelrecht über die Solistin herfallen lassen. Diese hat dagegen stets mit klarem Strich spielend im Kopfsatz vor allem das Hauptthema als Variationenfolge durch den Satz zu führen. Zu Beginn der Soloexposition klang es schlicht und gesanglich, beim Eintritt der Reprise unter Einsatz von Flagolett- und Doppelgriffen grandios. In der cadenza accompagnata nahm sich Hahn Tempofreiheiten, um ihrem mehrstimmigen Spiel Gewicht zu geben. Gänzlich introvertiert leitete sie den Satz direkt in die Romanze des Adagios, in dem nun die große Bühne abgebaut worden war, um der Solistin Gelegenheit zu geben, in fast schwerelosem Spiel ihre Töne an seidene Fäden zu hängen.
Dem Finale hätte vielleicht etwas mehr rhythmische Feinarbeit gutgetan. Dvořák wartet in ihm mit einem Sedlák auf und kombiniert in den Refrainabschnitten ständig unterschiedliche Zweier- und Dreiertakte so, dass sie von unterschiedlichen Instrumenten gespielt, übereinander klingen, was in dieser Aufführung häufig unterging. Dafür ließ Hahn im ersten Couplet sehr geschickt den Bogen auf die Saite fallen, um einen folkloristischen Effekt in ihr Spiel einzuarbeiten. Großartig gelang es ihr, mit aberwitzig flink vorgetragenen leggiero-Tönen am Ende des Satzes der Flöte (Walter Auer) nachzuhorchen.
Sokhiev hat schon häufiger in Konzerten mehrere Sätze aus der ersten und zweiten Suite von Prokofjews Romeo und Julia zu einer Tondichtung zusammengestellt und dabei stets nicht den Handlungsverlauf berücksichtigt, sondern den ernsten Szenen Genretänze als Kontrast gegenübergestellt.
Mit aller Gewalt ließ das Orchester zu Beginn im Satz Die Montagues und die Capulets auf Des Herzog Befehls in crescendierender Überblendung dissonante Klänge auf einem schrillen Akkord Halt machen, um die Waffen fallen zu lassen. Erst dann entlockte der Dirigent der Tuba und den Posaunen die behäbig-hochmütigen Töne des Tanzes der Ritter. Betont heiter und ausgelassen ließ die Flöte im nächsten Satz Julia Romeo (Solo-Cello Tamás Varga) zum ersten Mal begegnen. Im Satz Bruder Lorenzo trat Sokhiev weitgehend zurück, um Fagott und Violoncello in ausgedehnten Kantilenen einen Choral in der Art eines Wallfahrtsliedes ausbreiten zu lassen, bevor ein folkloristischer Tanz die Hörer in das Veroneser Leben führte.

In Romeo bei Julia vor der Trennung musizierte das nun auf einige Violinen reduzierte Orchester ein kleines Stück Kammermusik; doch wies Sokhiev in bedrohlichen Tönen im Hintergrund auf den unglücklichen Verlauf voraus. Den Tanz der Mädchen von den Antillen tupften die Wiener Philharmoniker zart-duftig mit morbidem Esprit, in Romeo am Grabe Julias stimmten sie einen verzweiflungsvollen Klagegesang an, der eine Schwere entstehen ließ, dass die Akkorde wie zu festem Gestein verhärteten. In die Bewegung eines gemessenen Tanzes, der auf die erste Begegnung von Romeo und Julia zurückgehenden Masken, blendete Sokhiev, der seine Hände wie rotierende Räder kreisen ließ, einen heranrollenden düsteren Marsch ein. Im Schlussstück Tybalts Tod heizte das Orchester die Stimmung von Takt zu Takt auf, bis Sokhiev jene 15 Schläge ins Orchester peitschte, mit denen Romeo Tybalt erschlägt. In einem Trauermarsch wurde der Niedergestreckte fortgetragen.
Mit einem kurzen Blick verständigten sich der Dirigent, der das kommende Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker leiten wird, und der Konzertmeister Rainer Honeck auf eine Zugabe: Johann Strauss’ Schnellpolka Op.332 „Éljen a Magyar“ (Es lebe der Ungar). Gegen Ende des Stücks schmetterten die Musiker sogar zweimal den rituellen „Heh!“-Schrei aus, um das Konzert wirkungsvoll zu beschließen.






















