Wenn am 15. August in Italien Ferragosto gefeiert wird, Höhepunkt des Sommers dort zusammen mit dem katholischen Fest Mariä Himmelfahrt sowie die Haupturlaubszeit im Land, macht sich seit mehr als 50 Jahren Riccardo Muti auf den Weg nach Salzburg. 1971 wurde der italienische Grandseigneur des Taktstocks erstmals zu den Festspielen eingeladen, damals leitete er Donizettis Dramma buffo Don Pasquale. Nur ein einziges Jahr musste er auslassen (1978), Verdi- und Mozart-Opern standen oft auf dem Programm. Opernhaft nennt man gern auch Giuseppe Verdis Messa da Requiem, die er 1874, nach der Aida, komponierte. „Unzählige Male“ wollen langjährige Rezensenten Muti mit dieser Totenmesse in Salzburg erlebt haben; ein Blick ins digitale Festspiel-Archiv klärt auf, dass die eher ungezählten Male 2019, 2013, 2011, 2002 und 1989 (mit den Berliner Philharmonikern) stattfanden.

Alle drei Requiem-Termine im Salzburger Festspielkalender 2026 waren seit langem ausverkauft. Das Werk am dritten Abend zu erleben, erwies sich insoweit als vorteilhaft, da alle Ausführenden mit sicherer Gelassenheit musizieren konnten, ihren Laut im gemeinsamen Klanggeschehen sensibel einbringen konnten. So ließ sofort der Beginn der Celli und Streicher der Wiener Philharmoniker in der Reinheit des Klangs aufhorchen, die Männerstimmen der Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor beim verdichtet gehauchten „Requiem aeternam“, wie aus einem Guss ihr „Et lux perpetua“. Jedem musikalisch Empfindenden durften bei apokalyptischem Trommelfeuer der Kesselpauke, dem infernalischen „Rex tremendae“-Rufen des Chores Schauer über den Rücken jagen.

Fast spielerisch muskulös, scheinbar ohne Anstrengung und in seiner massiven Klanggewalt wie ein Kathedralenpfeiler himmelwärts gerichteter Gewissheit das „Dies irae“: luxuriös instrumentale Finesse des Weltklasse-Orchesters, das im Finale die „Luceat“-Bitte wörtlich in Streicherleuchten und Flötenglänzen übersetzte, sowie ein erschütterndes Fortissimo-Tutti von 90 Opernchor-Stimmen (superbe Choreinstudierung Ernst Raffelsberger), die in der blockweisen Aufstellung von Sopranen linkerhand bis zu den rechts angeordneten Bässen eine bewundernswürdige Klarheit und ideale Vermischung erreichten.
Diametral zu Pathos-Weihen eines Showstücks, in denen mancherorts Verdis Requiem versinkt, wählte Muti hier eine kompromisslose Dramatik. Der 85-jährige verstand das Requiem als kochende, tief erregte Widerspiegelung des Schreckens von Tod und Jüngstem Gericht, zwischen erregt-beklommenem Flüstern und aberwitzigen Ekstasen, glutvollem Ausdruck neben ungestümer Theatralik. Noch immer gelang dem Italiener mit einer Akkuratesse in den dynamischen Nuancen und Weiten die mitschwingende Humanität aufzuzeigen, verstand er ohne eigene Schonung mit knappen, doch energischen Gesten, den großen Apparat auf seine Linie von Prägnanz und Durchsichtigkeit einzuschwören.

Klangliche Bravour und dennoch durchglühte Schlichtheit setzte sich beim exzellenten Solisten-Quartett fort, dessen wundervoll intonatorische und artikulatorische Brillanz bis hinein in die verstecktesten Pianissimo-Winkel imponierte. Ausdrucksstark und klangschön wirkte die Mezzosopranistin Marianne Crebassa, etwa im „Liber scriptus“, konnte gerade im ersten Teil ihre samtig-herbe Tiefe überzeugend ausspielen. Mit Michael Spyres sang ein eher lyrischer und geschmeidiger Tenor im Quartett, dessen „Ingemisco“ – zu wundervollem Oboensolo – zart und ohne Allüren begeisterte, im „Hostias“ silbriges Pianissimo ausstrahlte. Maharram Huseynov beeindruckte als agiler, sehr fein gestaltender Bass, so im voluminösen „Confutatis“. Iwona Sobotka bestach mit phänomenaler Reinheit, beispielhaft sicherem Wechsel zwischen wunderbar tiefem und herrlich zartem hohen Register ihres Soprans und dramatischer Kraft.
Da war ein Sänger-Quartett nicht im Dauer-Forte aktiv, sondern entwickelte über eine facettenreiche Dynamik-Kultur eine kammermusikalische Brennweite, bei der es nicht zuletzt opernhafte Überwältigung vergessen machte. Ausgesprochen überwältigend, wie alle Stimmen in Duetten oder Terzetten aufeinander achteten, zu einer faszinierenden Einheit ungeheurer Inbrunst verschmolzen.



















