Jubiläums-Jahrgang auf dem Grünen Hügel! 1876, vor genau 150 Jahren, eröffnete Richard Wagner in Bayreuth sein neues Festspielhaus, das in Größe und Akustik seinen Visionen zur Aufführung seiner großen Opern entsprach. So wird gerade in Jubiläumsjahren von der Intendanz besonderes Augenmerk auf herausragende Neuinszenierungen gelegt. 1976 vergab Festivalleiter Wolfgang Wagner die Inszenierung des neuen Rings des Nibelungen an den für provokante Regielösungen berüchtigten Patrice Chéreau. Die Premierenvorstellungen endeten in einem Buhgewitter, nachdem auch Pierre Boulez, ein eher nüchternes, von romantisierendem Schwulst befreites Musiktheater musiziert hatte. Nach Feinschliff in der berühmten Werkstatt Bayreuth, begann man vom „Jahrhundert-Ring“ zu sprechen, der Jahrzehnte lang Maßstab der Ring-Rezeption werden sollte. Für das Jubiläum 2026 war veritable Novität, den nicht zur Bayreuther Werk-Tradition gehörenden Rienzi einmalig dem Festspielpublikum zu präsentieren. Neun Aufführungen waren schnell ausverkauft; Katharina Wagner kündigte an, dies bleibe eine einmalige Sache. Damit wird der Kanon (vorerst) nicht erweitert.

Die Uraufführung von Wagners Rienzi, der letzte der Tribunen 1842 in Dresden brachte für den Komponisten den Durchbruch. Nur ein Jahr später fand er im Fliegenden Holländer deutlich seinen eigenen Stil. Dass Rienzi mit seinen fünfaktigen Grand-Opéra- Ausmaßen seinen späteren Ansprüchen nicht mehr genügte, mag Grund dafür sein, dass Wagner ihn nicht im Werke-Kanon für sein Festspielhaus sehen wollte. In Bayreuths Oberfrankenhalle erlebte er immerhin bereits 2013 als Produktion der Oper Leipzig und des Gewandhaus-Orchesters seine lokale Premiere. Kein Geringerer als Christian Thielemann, sonst eher im verdeckten Bayreuther Orchestergraben zaubernd, leitete damals das Gastspiel.

Das Textbuch schildert den Kampf des Volkstribunen Rienzi um den Sieg von Recht und Ordnung im Rom des 14. Jahrhunderts. Die Empörung des Volks über die Willkür der Nobili wächst; Rienzi wird beschworen, Anhängern aristokratischer Familien wie der Orsini oder Colonna Einhalt zu gebieten. Adriano, der Sohn Colonnas, hat sich Rienzi angeschlossen, verlobt sich gar mit Irene, der Schwester Rienzis, wodurch er in schweren Gewissenskonflikt gerät. Rienzi siegt in der Wahl, plant gutwillig, die Nobili in die Regierung einzubinden. Diese gehen scheinheilig auf das Angebot ein, verbünden sich aber im Geheimen, um Rienzi zu ermorden. Ein Anschlag misslingt, Rienzi begnadigt auf Bitten von Irene und Adriano die Verschwörer. Doch Rienzis Motivation findet immer weniger Anhänger, selbst die Kirche wendet sich ab. Adriano und Irene können Rienzi nicht mehr retten.

Gereizt haben gerade die großen Massenszenen im Plot die ungarischen Hügel-Debütantinnen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka, die für Regie, Bühnenbild und Kostüme verantwortlich sind. Es gelingt ihnen beeindruckend, ausufernde Bewegung von Chor und Statisterie in einer arenaförmigen Tribüne zusammenzuführen, individuelle Dialoge in im Dutzend geschachtelten, kastenartigen Appartements moderner Plattenbauten zu konzentrieren. Dies zeigt ein erstes Mal den zeitlosen Ansatz der bis in Details ausgefeilten Regie, auch in der exquisiten Personenführung.

Schnell wird klar, dass Cola di Rienzo, Anführer eines mittelalterlichen Volksaufstands gegen die Macht einzelner Cliquen, auch als Referenzfigur moderner demagogischer Politiker gesehen werden kann. Damit ziehen die Regisseurinnen Verbindungen zu rechtspopulistischen Tendenzen, zur Gefahr von Beeinflussung ganzer Bürgerschaften. Die Instrumente dazu, politisierende Showtreppen und eine permanente Berieselung der Menschen durch allgegenwärtige Videoscreens oder Massenmails auf persönliche Smartphones, werden in gewaltigem technischen Ausmaß verblüffender wie verwirrender Teil der Bühnenszenerie, gleiten in gespenstisch wirkenden Albtraum einer beklemmenden Zukunft. Rienzis Schicksal wird am Ende offen gelassen.

Andreas Schager ist eine ideale Besetzung für Rienzi, der mit robustem Heldentenor in der fast vierstündigen Mammutrolle kraftvoll, mit klarer Diktion und in Momenten innerer Rückbesinnung auch empathisch und lyrisch liebevoll ausstrahlen konnte. Sein „messianisches“ Sendungsbewusstsein sowie sein Scheitern waren tief bewegend, ebenso die Auswirkung auf seine Beziehung zu seiner sich aufopfernden Schwester Irene und deren Verlobtem Adriano in seiner Bewunderung des Herrschers.

Gabriela Scherer gelang es bewundernswert, den Zwiespalt zwischen liebevoller Beziehung zu Adriano und fürsorglicher, ins inzestuöse tendierender Geschwisterliebe auszuformen, die Teil einer berührenden Hintergrundgeschichte um den Tod ihres kleinen Bruders ist und Züge der späteren Verbundenheit von Siegmund und Sieglinde in der Walküre tragen. Ihre leuchtende Sopranhöhe war mitreißend zu erleben. Jennifer Holloway gestaltete ihren Adriano, den Wagner als Hosenrolle angelegt hatte, in vibrierender Leidenschaft mit dramatischer vokaler wie mimischer Hochspannung.

Hervorragend bewährten sich in kleineren Rollen Michael Nagy als Orsini, Andreas Bauer Kanabas als Colonna und Vitalij Kowaljow als Kardinal. Amüsant und hintersinnig auflockernd als Zwischenmusik die getanzte Collage über seine späteren Opern, die ein kleiner, gülden gelenkiger Wagner radschlagend einführt, von tänzelndem Schwan bis zum ungestüm hämmerndem Siegfried, neben augenzwinkernden Studien auf wohlbekannten Pfaden Bayreuther Festspielbesucher.

Bereits vom ersten Crescendo des Vorspiels an hielt Nathalie Stutzmann im Orchestergraben mit Festspielorchester und Festspielchor (hervorragende Einstudierung Thomas Eitler-de Lint) die Wagnergemeinde in Atem. Zwischen sinnlichem Samt und pompöser Pracht faszinierte ihr spannend angelegter, musikalischer Rausch einer sich immer enger verzahnenden, zuspitzenden Krise.

Man kann resümieren, dass Rienzi durch eine Fülle eingängiger Motive und Themen durchaus auf die Klangwelt eines Lohengrin oder Tannhäuser weist. Wagners Libretto geht in der Beschreibung der römischen politischen Szene oft zu weit in Details. Die aktuelle Bayreuther Inszenierung lässt durch eine dicht strömende Bebilderung der Szenen trotzdem kaum Leerlauf aufkommen. Selbst wenn man sie mit Analogien zu gegenwärtigem Showgeschäft und gesellschaftspolitischen Anspielungen als überfrachtet ansehen mag, gelingt ihr in der Strenge der Abläufe eine packend lebendige, tiefgründige Bühnenrealisierung. Vielleicht sollte man diese 2028 oder später doch wieder einem interessierten Publikum anbieten!


























