Es ist der kürzeste Tag des ganzen Jahres. Es regnete den ganzen Tag. Nur im Konzerthaus war der Sommer eingezogen. Franz Welser-Möst dirigierte die Wiener Philharmoniker, die in Berlin gern gesehene Gäste sind. Mit diesem Konzert, bei dem zwei Werke von Brahms zu hören waren, die in der schweizerischen bzw. österreichischen Sommerfrische entstanden sind, beendete das Orchester seine zehntägige „Hommage“.

Franz Welser-Möst © Roger Mastroianni
Franz Welser-Möst
© Roger Mastroianni

Zunächst erklang das Doppelkonzert für Violine und Violoncello, das Brahms in seiner unnachahmlichen Ironie als „kuriosen“ Einfall angekündigt, recht eigentlich aber als „Versöhnungswerk“ zwischen ihm und dem Geiger Joseph Joachim komponiert hatte. Unwirsch, mit dem für Brahms so typischen Konfliktrhythmus 2 gegen 3 eröffnete das Orchester das Werk. Dann griffen die beiden Solisten ins Geschehen ein, deren Parts von zwei Orchestermitgliedern, Konzertmeister Volkhard Steude und Solocellist Peter Somodari, mustergültig gespielt wurden.

Wenn Fontane einmal sagte, dass „der Anfang immer das entscheidende“ ist und betonte: Hat „mans darin gut getroffen, so muß der Rest mit einer Art von innerer Nothwendigkeit gelingen, wie ein richtig behandeltes Tannenreis von selbst zu einer geraden und untadeligen Tanne aufwächst“, dann ließ sich dies mühelos auf Brahms' Komposition und diese kongeniale Aufführung anwenden. Die Solisten setzten zunächst getrennt voneinander ein, bewegten sich allmählich aufeinander zu, ihre Figuren wurden einander immer ähnlicher bis sie schließlich im Unisono miteinander parallel geführt wurden. Die das Eingangs-Solo beschließende Kadenz spielten  die beiden als einen musikalisch vollzogenen Händedruck, als den Johannes Forner diese Geste einmal gedeutet hat. Die Solisten waren im ersten Satz im Dialog und verschmolzen im Gesang des zweiten Satzes zu jener „achtsaitigen Riesengeige“ von der Brahms auch gesprochen hat. Das Orchester bildete keinen Gegenpart dazu, sondern unterstützte die beiden Solisten in ihrem Versöhnungsakt, der dann als gelungen im dritten Satz gefeiert wurde.

In der Zugabe zeigten die beiden Solisten, was für exzellente Kammermusiker sie sind und spielten Händels Passacaglia aus der g-Moll-Cembalo-Suite in Johan Halvorsens Transkription für Violine und Cello. Beide musizierten nach der Pause wieder im Orchester.

Die Aufführung der Zweiten Sinfonie von Brahms nach der Pause lässt sich nur mit dem Wort beglückend angemessen bezeichnen. Der Komponist selbst nannte sie ein „liebliches Ungeheuer“ und erläuterte, es sich bei der Arbeit „leicht gemacht“ zu haben, indem er „keine Symphonie, sondern bloß eine Sinfonie“ geschrieben, sie also nicht wie die Erste an der Symphonie des 19., sondern an der Sinfonie des 18. Jahrhunderts orientiert  habe.

In den ersten Takten der Zweiten exponierte Brahms eine Wechselnote, die als motivische Keimzelle Einheit im kompositorischen Prozess des ersten Satzes stiftet. Vom ersten Takt an wurde diese organische Entfaltung in einer Gelassenheit musiziert, die dieser Partitur angemessen erscheint, und die ihr doch so selten gegönnt wird. Welser-Möst dirigierte klar, und das Orchester musizierte durchsichtig. Nichts war Füllsel. Keine Phrase wurde überspielt, Extreme in der Dynamik wurden vermieden. Der Ton eines „Et in Arcadia ego“, den die tiefen Bläser am Ende des Hauptthemas in die Naturidylle einbezogen, gab dem Werk seine Tiefe, überschattete aber den Fluss lebendigen Musizierens insofern nicht, als die thematische Entwicklung nie zu jener Arbeit wurde, die Brahms so oft angestrengt klingen lässt. In dieser Aufführung rumorten nicht einmal die metrischen Konflikte, die in der Durchführung ausgetragen werden! Dass Brahms an solcher scheinbaren Mühelosigkeit lange feilte, sollte nicht hörbar sein. Und diesen Wunsch erfüllte ihm die Musiker in ihrer Aufführung.

Im langsamen Satz ließen die Musiker die errungene Heiterkeit des Kopfsatzes dann wie mit Hegel gesprochen „über Tod, Grab, Verlust, Zeitlichkeit“ hinwegblicken. Wie nah die Heiterkeit der Melancholie steht wussten Dirigent und Musiker ins Musikalische zu übertragen. Aber sie erhoben nicht den Zeigefinger, sondern musizierten dieses Andante so, dass ein gelassenes Gemüt doch seinen Trost dabei fände. Im Allegretto grazioso des dritten Satzes lockerten sie die Zügel und verkoppelten im Serenadenton das Grazioso im 3/4-Takt, mit dem Galopp im 2/4-Takt. Das abschließende Allegro con spirito ist das letzte triumphale Sinfonie-Finale, das Brahms geschrieben hat. Das Hauptthema dieser im Geiste Haydns sehr eigen vorgenommenen Mischung aus Sonatenform und Rondo ist aus dem des Kopfsatzes gebildet und bereitet mit ihm das zweite Thema vor, das als dessen freie Umkehrung im Hymnus als das eigentliche Thema des Finales hervortritt. Diese feinen Bezüge wurden auch denen vermittelt, die nicht darum wissen. Sorgfältig ließ diese Aufführung die erste Themengestalt immer weiter zurücktreten, bis sie schließlich zum bloßen Treibemotiv degradiert auf seine zweite Gestalt hinzielte, die dann die Oberhand über die erste gewinnt. Mit deren Apotheose klang die Sinfonie glanzvoll aus.

Welser-Möst badete nicht lange im Applaus. Mit wienerischem Charme wandte er sich an die begeisterte Hörerschaft: „Bei dem Wetter draußen kann man nur eines spielen Rosen aus dem Süden“. Nun wusste das Publikum auch, warum Harfe und Schlagzeug auf dem Parkett standen, was für Brahms nicht nötig war. Entlassen wurden die Hörerinnen und Hörer dann mit einer Polka schnell, Bahn frei von Eduard Strauß, worin Pfeifsignale offenbar alle aus dem Saal in den Regen treiben sollten.

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