Unter dem besten Stern schien das Konzert von Cameron Carpenter im Grazer Stefaniensaal zunächst wirklich nicht zu stehen, denn wenn noch vor dem ersten Ton der Intendant die Bühne betritt, verheißt das selten etwas Gutes. Immerhin hatte Mathis Huber aber nur eine halbe Hiobsbotschaft mit im Gepäck...

Cameron Carpenter © Dovile Sermokas
Cameron Carpenter
© Dovile Sermokas

Die Orgel habe zwar den ganzen Tag über so einige technische Probleme bereitet und so ganz sicher sei man nicht, dass alles funktionieren würde, aber trotzdem könne das Konzert stattfinden; wenn auch mit einer kleinen Änderung des Programms. Statt Schostakowitschs Festliche Ouvertüre bildete Esquisse von Marcel Dupré den Auftakt des Abends. Bevor Crapenter dann allerdings wirklich loslegen konnte, wartete er noch mit stoischer Ruhe gleich zwei klingelnde Telefone ab – von all den Stör- beziehungsweise Unsicherheitsfaktoren, die von Beginn an über dem Abend schwebten, ließ er sich aber scheinbar so gar nicht beirren und lieferte in den folgenden pausenlosen 70 Minuten eine große Show ab.

pbl
pbl

Mit Marcel Duprés Esquisse startete das Programm technisch extrem anspruchsvoll und voller dramatischer Effekte. Carpenter spielte dabei mit atemberaubender Virtuosität und mischte eine große Portion Showmanship in seine Interpretation: rasende Passagen, donnernde Akkorde und plötzliche dynamische Ausbrüche, die den Stefaniensaal zum Beben brachten, machten sogleich klar, dass dies kein Abend der leisen Zwischentöne werden würde.

Denn auch bei Carpenters eigenem Arrangement von Mussorgskys Bilder einer Ausstellung ist großer Effekt Programm. Carpenter neigt in seiner Interpretation deutlich zum Pathos – aber warum eigentlich nicht? Denn diese Herangehensweise funktioniert erstaunlich gut, vor allem auch deswegen, weil er die Orgel gefühlt in ein echtes symphonisches Orchester verwandelt. Man glaubt es zunächst kaum, doch nach wenigen Minuten vergisst man tatsächlich, dass hier „nur“ eine einzelne Orgel spielt. Besonders mit geschlossenen Augen entfaltete sich eine ganze Klangwelt voll Farben und Schattierungen: von der leichtfüßigen Promenade über das verspielt tänzelnde Ballett der Küken bis hin zum majestätischen Tor von Kiew, das der Künstler mit seinen strahlender Klangfülle in den Raum malte.

Großen Eindruck hinterließ schließlich auch seine eigene Improvisation in three movements. Carpenter ist nämlich nicht nur ein brillanter Interpret, sondern auch ein kreativer Kopf, der die Orgel als grenzenloses Instrument versteht. In den drei kontrastreichen Sätzen zeigte er dementsprechend dann auch nochmals die gesamte Bandbreite seines Könnens und des Instruments. Von verspielt-tänzerisch über lyrisch und verträumt bis hin zu apokalyptisch polternd ging es höchst soundtrackhaft zur Sache, wobei moderne Filmscore-Ästhetik und klassische Orgeltradition zu etwas ganz Eigenem verschmolzen. Und ganz nebenbei war das Glück dem Konzertabend doch noch hold: Die Orgel hielt tapfer ohne technische Mätzchen durch, Handys klingelten glücklicherweise auch keine mehr und das Publikum – im bis auf den letzten Platz gefüllten Stefaniensaal, was angesichts der Kombination aus bestem Gastgartenwetter und einem an diesem Abend stattfindenden Fußball-WM-Halbfinalspiel durchaus beachtlich war – feierte Cameron Carpenter euphorisch wie einen Popstar.

pbl
pbl
****1