Verdis Rigoletto lässt einen immer verstört zurück. Dass der Herzog, ein notorischer Frauenschänder, hier ungeschoren davonkommt, während sein Opfer, die aufrichtig liebende Gilda, untergeht, kann einen schon aus dem moralischen Gleichgewicht bringen. Eine Oper ohne Katharsis, deren erschütternder Tragik man sich auch in dieser Karlsruher Neuinszenierung nicht entziehen kann.

Die Regisseurin Anna Drescher erzählt diese Geschichte so kompromisslos wie konsequent als Folge einer exzessiv vergnügungssüchtigen Gesellschaft, deren Herzog sich die Frauen nimmt, wie es ihm passt und deren Höflinge ebenfalls nach allem Weiblichen greifen – und seien es nur Arme, die aus schmalen Öffnungen ragen, hier wie in einer Peepshow hinter einer Wand. Ausschweifender Konsum von Sex und die Lust zur Demütigung Anderer ist hier gesellschaftliche Norm.
Rigoletto hat darin keine Chance. Bewusst zeigt die Regie ihn nicht als körperlich entstellt, aber doch als sozialen Außenseiter. Schon in seiner Kleidung hebt er sich vom exzentrisch schrillen Dresscode der Mehrheit ab (prägnant Kostüme und Bühne von Tatjana Ivschina). Obwohl von ihr abgestoßen, versucht er sich dennoch anzupassen und dreht mit der Beschimpfung Monterones, Vater eines der Opfer dieser höfischen Dekadenz, die Schraube zu weit. In diesem System ist er Opportunist aus Überlebensnot und Opfer zugleich. Der Fluch Monterones, das musikalisch beherrschende düstere Motiv dieser beklemmenden Oper, verfolgt ihn wie ein schlechtes Gewissen.

Leonardo Lee gestaltete diese zutiefst tragische Rolle mit großer Überzeugungskraft; stark in der Vehemenz seiner Anklage und erbarmenswürdig in seinem Leid, diesen widerstreitenden Gefühlen wie sie in der Arie im zweiten Akt („Cortigiani, vil razza danata”) hart neben einander stehen.
In einem von Dunkelheit beherrschten Bühnenraum treibt die Geschichte der Katastrophe zu. Die in Karlsruhe spezielle Drehbühne aus mehreren konzentrischen Kreisen erlaubt in den drei Akten die Verwandlung zu eindrucksvollen Bildern, die weniger die Szene illustrieren als die Konzentration auf die Protagonisten erlauben. Aus dem dunklen Gemäuer der ersten Szene hebt sich Gildas mit grellbunten Plüschtieren voll gestopftes Puppenhaus heraus, in dem sie der Vater wie in einem Käfig von der gefährlichen Außenwelt abzuschirmen versucht. Schroff wehrt er ihre Sehnsucht nach Freiheit ab. Nicht einmal seinen Namen verrät er ihr.
Unausweichlich, dass Gilda in dem vermeintlichen Studenten Gualtier Maldé ihren Befreier aus der Enge sieht: allein sein Name schon reicht für unsterbliche Verliebtheit. Anastasiya Taratorkina sang diese Arie („Caro nome che il mio cor”) weit über ein virtuoses Bravourstück hinaus mit wahrer Empfindung. Glockenhelle Spitzentöne, brillante Koloraturen, eine überzeugend pointierte Phrasierung und reinste Tongebung gepaart mit Seelentiefe machten aus dieser Arie ein Glanzstück vokalen Ausdrucks.

Als Herzog repräsentierte Jenish Ysmanov genau den Typ des skrupellosen Verführers. Draufgängerisch und einschmeichelnd zugleich macht er sich an Gilda heran, jammert larmoyant über ihre Entführung und hat sie nach einer Nacht schon wieder vergessen, weil er die Frauen eh für unbeständig hält („La donna é mobile”). Ysmanov konnte den Stimmungen dieses testosteron-getriebenen Mannes vokal großartig Ausdruck verleihen. Die Höhenstrahlkraft seines Tenors blendete ebenso wie seine Liebsschwüre glaubhaft erschienen. Wüsste man nicht, welcher Schuft er ist, hätte man für diese Figur Sympathie empfinden müssen.
Aber Rigolettos unerbittliche Rache will ihn bis in den Tod verfolgen. „Er heißt Verbrechen und ich Strafe”, sagt er zum Auftragsmörder Sparafucile, dem Konstantin Gorny die schwärzesten Farben seiner Basstimme lieh.

Dann ist es der dritte Akt, der dieser Geschichte ihre ungeheure Dramatik verleiht. Auch durch die Konfrontation Gildas mit dem Lotterleben des Herzogs, der sich gerade an Maddalena (mit starker Ausstrahlung: Florence Losseau) heranmacht, gelingt es Rigoletto nicht, seine Tochter von ihrer Liebe abzubringen. Als zwei Ebenen einer Wahrnehmung stellt die Regie diese Situation im Quartett eindrucksvoll dar. Schließlich erzeugt die Musik mit intensiver Klangmalerei, mit Gewitter- und Sturmmusik und dem unheimlich dissonanten Summen des Herrenchors die überwältigend schauerliche Atmosphäre der Schlussszene. Rigoletto erkennt, dass ihm statt des Herzogs vom bezahlten Killer zu Tode verletzt seine eigene Tochter ausgehändigt wurde. Ätherisch und wie entrückt sang Taratorkina Gildas Abschiedsworte, ehe sie aus den Händen des Vaters im Sumpf des Flusses versank.
Es war nicht zuletzt auch dem großartigen Orchester zu danken, dass die Oper so nachhaltig wirkungsvoll endete. Johannes Willig hatte die Badische Staatskapelle mit großem dramatischen Atem geführt. Fulminant endeten auch die ersten beiden Aktschlüsse. Die solistischen Stellen besonders in den Holzbläsern kamen berückend schön aus dem Graben. Alles in allem war ein faszinierender Opernabend gelungen.





















