80 Jahre wird René Jacobs im Herbst dieses Jahres. Bis dahin werden allein zwei Opern, ein Oratorium und eine Serenata für den unermüdlichen, beinmobil jedoch leider immer angeschlageneren Bühnengiganten der sogenannten Alten Musik in den Büchern bisheriger Saison gestanden haben. Drei Mal wird sich dabei die Auswahl auf einen seiner absoluten Lieblinge und Legendenstränge, Händel, kapriziert haben, dessen in rühmendem Gedenken veranstalteten Festspiele in Halle an der Saale Jubilar Jacobs nach der erneuten Aci, Galatea e Polifemo-Auffrischung mit dem Kammerorchester Basel diesjährigen Ehrenpreis zusprechen.

René Jacobs © Philippe Matsas
René Jacobs
© Philippe Matsas

Mit Tamerlano durch das Freiburger Barockorchester in 2026 gestartet, später an alter Intendanz-Stätte Innsbruck gefolgt vom Trionfo, den der Dirigent nach den familiären Breisgauern auch mit seinem belgischen Partner B’Rock aufgeführt hatte, stand mit dem Ensemble nun eine vom bewährten Duo Jacobs und Benoit De Leersnyder halbszenisch aufbereitete Tour jenes der Werke an, das ausnahmsweise nicht von Händel, sondern Vivaldi stammt: Il Giustino. Der letzten römischen Vivaldi-Oper um den bäuerlichen Hoffnungsträger, die es – als jahrelange Residenzler zur Vorführung barocker Raritäten – mit Jacobs und seiner Berliner Künstlerheimat der Akademie für Alte Musik 2022 als erste ihrer Urheberschaft überhaupt an der Staatsoper unter den Linden auf den ansonsten allzu erwartbaren Repertoire-Spielplan geschafft hatte.

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Zwischen einer Deutschland-Spanien-Tour ließ es sich Antwerpens De Singel in ebenso bekannter Abfolge, zum Beispiel wie bei Mozarts letztjährigem Idomeneo, nicht nehmen, die Musikerinnen und Musiker des FBO, Jacobs und dessen Gesangscrew abermals bei sich zu begrüßen. Diejenigen des FBO, die – mit Barockharfe anstelle distinktiven Salterios – Jacobs‘ um elf Arien aufführungsüblich gekürzte und interessanterweise Vivaldis C-Dur-Sinfonia durch Caldaras Ouvertüre zu Adriano in Siria ersetzende Edition als Ensemble im ureigensten Wortsinne mit generell stimmungsvollem, dezidiert dynamikagilem sowie esprit- und affektbestimmtem Leben füllten. Und sich so eben zum Beispiel in Person der Oboen, des Fagotts, der Hörner oder einzelne als Festprogramm-Verteiler zum lieto fine-Schlusschor zudem als essenzielle Inszenierungskollegen betätigten.

Mit besagter Ouvertüre ging Jacobs übrigens einerseits ins Risiko, vermochten auch die besten ihres Fachs nicht, die eigentlich unmöglichen Clarinanforderungen einigermaßen verträglich spielbar zu machen. Andererseits fungierte sie – in ritornellhaftem Einsatz von Trompeten und Pauken, mitunter im Tutti – als ein glückender Baustein dessen, in dem Erfahrungs- und Veranschaulichungsmagier Jacobs kaum einer etwas vormachen kann: dem theatralischen Charakterisieren. In musikalischer Form neben allem melodischen und empathischen Fluss Vivaldis Hitparade jenem der atmosphärischen Illustrationen des royalistisch-konfliktträchtigen Handlungsrahmens beziehungsweise der Bilder des von Lucchini überarbeiteten Beregan-Librettos. Dafür durften dann auch in der großen Schlagwerkbatterie Inez Ellmanns – freilich allzu – barockfremde Utensilien wie Klangbecher und Gong zum Einsatz kommen, um mystische Monster und wilden Wahn effektgewaltig auszumalen.

Olivia Vermeulen © Felix Broede
Olivia Vermeulen
© Felix Broede

In vokaler, figurenzeichnender Form gelang es Jacobs ebenso, die byzantinische Fehde um kaiserliche Macht und Maid zu verdeutlichen. Dafür konnte er sich auf das exzellente Who is Who an Solistinnen und Solisten verlassen, von denen Kateryna Kasper als starke, emotionale Arianna und Olivia Vermeulen als nobler Throninhaber Anastasio ihre Garantiequalität erfüllten, als ohnehin beeindruckende Lagenwunder mit gleichsam atemberaubend ästhetischer, phrasierungsgeschickter und verständlicher Expression jede Zeit verlierend zu fesseln. Das taten auch die anderen beiden Hauptpartien, koloratur- und, als von Giustino frisch angetane Leocasta, identifikationsgewandte, herausforderungsbeherzte Robin Johannsen sowie mit lichter und intensiver Ausdrucksenergie und Kehlengeläufigkeit bestechender Siyabonga Maqungo, der den Reigen der Doppelschichtigkeit und Rollen-Transformationen famos umsetzte.

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Die des krongierigen und Arianna begehrenden Vitalianos zum überweltlich bekehrten Bruder des gegen die Bedrohungen kämpfenden Giustino, den Rémy Bres-Feuillet in pastoraler Herkunft edelwarm und dunkelroséfarbig verkörperte, wenngleich innewohnender Heldenmut noch etwas kontrastbetonter hätte hervortreten können. Gleißendste Wandlung vollzog natürlich intrigenschmiedender, neidischer Amanzio, der mit Mark Milhofers virtuoser Routine und Tenorfruchtigkeit sowohl zunächst charmanten, leisetretenden Diener seiner Majestät à la Bond mit Smoking als auch den triumphberauschten Möchtegern-Kapitän mimte. Darin durfte das jacobstypische Element der Komik nicht fehlen, mit der Amanzio zugleich der strafenden Lächerlichkeit preisgegeben wurde.

Eine amüsante Facette offenbarte auch der übergriffig in Leocasta verschossene Andronico der unverkennbar burschikos auftretenden Vivaldi-Contralto-Institution Sonia Prina, indem deren Arie als verkleidet-perrückte Hofdame ausgerechnet ein klischeehaftes, aber rollenidentitär wahres-Ich durchblitzendes rockiges Kolorit verpasst bekam, ist die Sängerin diesem Stil doch im persönlichen Leben zusätzlich zugeneigt. Außerdem präsentierte sich Francesc Ortega Martís sehr heller Bariton in seinen knappen Beiträgen als Fesselfreund Polidarte und Jenseitsstimme ganz souverän.

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