Nach dem Verlust ihres Bratschisten Friedemann Weigle im Juli dieses Jahres ist das Artemis Quartett nun auf „In Memoriam“-Tournee, um seiner zu gedenken. Im Kleinen Saal der Laeiszhalle taten die Musiker das mit einer eigens erstellten Partita, die die Musiker als Streichtrio spielten. Am Beginn der Partita, die aus Auszügen aus den Goldberg-Variationen, der Englischen Suite Nr. 3, der Sinfonia Nr. 9 sowie Werken Astor Piazzollas zusammengestellt ist, stand ein leiser Einstieg mit gläsern wirkenden flageolet-Tönen. Das machte die Musik zerbrechlich, ließ sie vergänglich wirken; ganz bewusst spielten sich die einzelnen Musiker immer wieder wechselseitig in den Vordergrund. Eckart Runge am Cello bildete selbstverständlich und selbstsicher das Fundament, arbeitete in tiefen Lagen mit besonders vollem, rundem Ton. Mit Absicht aber nur an manchen Stellen.

Artemis Quartett © Molina Visuals
Artemis Quartett
© Molina Visuals

Für das Schumann'sche Klavierquartett stieß Matan Porat dazu. Er musste sich zunächst in das Konzert hineinspielen; er fand sich jedoch schnell ein und konzertierte von da an mit gutem Geschmack für Dynamik und Zusammenspiel. Die lauteren Elemente im Verlauf des Beginns des ersten Satzes wirkten sehr akkurat und definiert, jedoch nicht übertrieben akzentuiert. Es schien eine grundsätzliche Entscheidung des Quartetts für dieses Konzert zu sein, nie die obersten Dynamikbereiche auszureizen, sondern im Zweifelsfall wieder etwas zu dämpfen, ja, sich zurückzuziehen, was ich bei der Werkauswahl für diesen Abend angemessen fand.

Im weiteren Verlauf des ersten Satzes, wenn sich die Einzelstimmen mehr aufspalten, nutzten die Streicher eine breite Palette an Gestaltungsmöglichkeiten, um etwas mehr ihren individuellen Kosmos zu finden. Vor allem Eckart Runge am Cello und Vineta Sareika an der Violine ließen so ihre Instrumente regelrecht Geschichten erzählen. Bei Sareika erlebte ich dann dieses Phänomen, das nicht viele Geiger zeigen: Ihr Spiel erschien mühelos; der Bogen bewegte sich kaum, Lagenwechsel passierten fast unsichtbar, aber hörbar wurden die schönsten und reichhaltigsten Klänge und Melodien die Violinsolisten spielen können. Oistrach spielte so, Vengerov tut es noch heute.

Im zweiten Satz war dann plötzlich das kleine aber merkliche Stimmungsproblem zwischen den Streichern als Einheit und dem Klavier verschwunden, das mich im ersten Satz noch verfolgt hatte. In den zahlreichen, schnellen unisono-Läufen beeindruckten mich die Musiker mit hoher Präzision. Als ob das Matan Porat noch nicht reichte, trieb er das Tempo weiter voran. Dennoch blieb genug Zeit, die kurzen pizzicato-Stellen schön theatralisch anzusetzen. Den eingängigen dritten Satz begann Runge am Cello dann bemerkenswert gefühlvoll. Manche Ensembles spielen die Melodien dieses Satzes sehr elegisch, sodass der Teil fast ins Fernsehmelodiöse abgleitet. Nicht so das Artemis Quartett! Nicht so Eckart Runge! Er formte die Töne durch eine einzigartige haptische Verschmelzung mit seinem Instrument und dem geschickten Einsatz von Vibrato, sodass sie fast endlosen Nachklang hatten. Das gab dem Vortrag etwas sehr Intimes und Persönliches.

Und dann war er da, dieser ganz besondere Moment, den man nicht in jedem Konzert erlebt. Als am Schluss des Satzes das Anfangsthema wieder vom Cello gespielt wurde und die anderen Instrumente dazu kamen, zeigten alle diese hauchdünne Seidigkeit der Musik. Mit fast drucklosem Strich setzten die Musiker die Lautstärken sorgfältig und mit Mühe sehr leise im Gesamtverbund. So legten sie die Musik immer tiefer zwischen sich, sodass man spürte, wie die Töne mehr und mehr zum Publikum herabsanken. Das erzeugte eine unglaubliche Spannung im Konzertsaal; das Publikum war erstarrt!

Nach der Pause hörten wir dann das Klavierquartett von Brahms. Am Anfang spielten die Streicher wieder maßvoll, die lauten Stellen nicht extrem akzentuiert. Sie waren viel mehr darauf bedacht, die vielschichtigen Emotionen in Brahms' Musik herauszustellen. Im dritten Satz zeigte Runge am Cello wieder seine außergewöhnliche Tonerzeugung und spielte ein schönes Duett mit der Violine; beide atmeten die Töne synchron, spielten wirklich miteinander. Die Oktavmelodien am Klavier gaben der Musik den Anschein einer Straßenszene an einem Sommertag, brachten diese Unbekümmertheit, die Brahms' Musik auch manchmal braucht. In den späteren Terzmelodien wurde dann sogar die Wiener Seele des Komponisten etwas hervorgebracht, und am Schluss des Satzes spielte das Piano richtig breit und filmisch, ohne aber zu plakativ zu wirken. Im Schlusssatz zeigten die Musiker dann noch einmal, wie symphonisch dieses Klavierquartett eigentlich ist und oftmals nach mehr als vier Musikern klingt. Sie breiteten die oktavierten Passagen regelrecht auf der Bühne aus; Melodien begannen unisono und fächerten sich dann in einzelne Stimmen auf. Dies lag dem Quartett besonders gut.

Mit der Wiederholung des Andante cantabile von Schumann beschlossen die Musiker den Abend und ließen ein sichtlich beeindrucktes Publikum zurück.



****1