Leonore oder Coriolan? Egal, Hauptsache Beethoven! Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks überrascht das Publikum in dieser Saison mit jeweils einem Überraschungsstück, das erst nach der Aufführung angesagt wird. Dass Chefdirigent Mariss Jansons kurzerhand die Coriolan-Ouvertüre als Leonoren-Ouvertüre (vielleicht die 4. Version) ansagte, klärten die Musiker schnell und mit einer guten Portion Humor auf und zeigten dabei einmal mehr, dass die Stimmung zwischen Chefdirigent und Orchester des Bayerischen Rundfunks einfach stimmt. Und das hörte man dem Hauptwerk des gestrigen Abend, Mahlers Fünfter Symphonie, deutlich an.

Mariss Jansons © Anne Dokter
Mariss Jansons
© Anne Dokter
Allerdings offenbarten die Musiker mit der Coriolan-Ouvertüre erst einmal eine unbekannte Seite an Gustav Mahlers Schaffen, denn bei dieser Aufführung handelte es sich um eine von Mahler bearbeitete oder „retuschierte“ Version, wie er es selbst nannte. Als hochangesehener Dirigent sah er es als seine Pflicht, alte Werke und besonders die Beethovens den neuen Klangmöglichkeiten und der gegenwärtigen Aufführungspraxis anzupassen. Dazu verdoppelte er zum Beispiel die Holzbläser, hob Melodielinien deutlicher hervor oder verschärfte Akzente und Dynamikanweisungen. Dass er dabei die musikalische Intention nicht veränderte, machten Jansons und das BRSO gestern deutlich. Trotz des riesenhaft wirkenden Streicherapparats verlor die Ouvertüre kaum an kraftvollem Ausdruck und war sehr präzise abgestimmt. Gleichzeitig wirkte das Werk merklich plastisch, da die verschiedenen Stimmen sich von einander abhoben und gleichzeitig zu einem homogenen Klang verschmolzen. Jansons arbeitete die lyrischen Passagen dabei mit viel Emotion aus, die bei dieser Besetzung bereits schon ein bisschen nach Mahler klangen.

Tiefschwarz und mit dunklem Klang begann das BRSO Mahlers Fünfte Symphonie, dessen erster Satz bei Jansons bereits in den ersten Takten offenbarte, dass er keine edle, glattgebügelte Interpretation anstrebte, sondern schonungslos aufwühlend die Klänge strömen ließ. Mit expressiven Ausbrüchen der Violinen und dem rauen Klang des tiefen Blechs beugte er einem belanglosen Schönklang vor und führte bereits mit dem Trauermarsch eine sehr tiefgründige Interpretation an. Denn neben die aussichtslosen Ausbrüche, die Jansons klanglich stark verband, gesellten sich, besonders im zweiten Satz, lyrische Melodien, die in ihrem großen Duktus eine gewisse Ruhe ausstrahlten.

Das Scherzo gestaltete er mit höchster Präzision und klanglicher Genauigkeit zu einem grotesken Sammelsurium an Walzer- und Ländler-Rhythmen. Die genau gearbeiteten Staccati gaben dem Satz einen tänzerischen Charakter, wobei Jansons auch hier keine Scheu davor zeigte, die Themen bis zum äußersten Fortissimo weiterzuführen ohne dabei klanglich zu erdrücken. Fast grazil und nicht mit überbordender Emotion interpretierte das Orchester das berühmte Adagietto, das seit seiner Uraufführung zu Mahlers größtem „Hit“ wurde. Als Ruhepunkt der Symphonie birgt es mehr Schwierigkeiten, als man vielleicht zunächst vermuten würde. Dank Jansons wirkte dieser vierte Satz nicht schwülstig, sondern vielmehr nachdenklich. Wie ein sich fortspinnender Gedanke entwickelte er das Adagietto weiter, das mit warmem Streicherklang ein wirklicher Ruhepunkt wurde. Im Finale fanden die Musiker wieder zu dem lyrischen Erzählton der beiden ersten Sätze zurück; damit steuerte Jansons zielsicher auf den Schlusschoral zu, der die Symphonie wie ein Befreiungsschlag abschloss.

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks beeindruckte vor allem mit seinem Farbenreichtum und seinem intensiven Ausdruck. Zwar mischten sich in der ein oder anderen fragilen Passage kleinere technische Fehler ein, die konnte man bei dieser starken Interpretation aber schnell vergessen. Jansons Version von Mahlers Fünfter Symphonie gelang die Balance zwischen auftrumpfendem Klangspektakel und melodischer Erzählhaftigkeit. Dabei blieb Jansons allerdings nicht in Oberflächlichkeiten hängen, sondern wühlte mit seiner Interpretation auf, bevor er das strahlende Finale verkündete.

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