Groß waren die Fußstapfen nicht, in die eine neue Inszenierung von Tschaikowskis Eugen Onegin an der Wiener Staatsoper treten musste, war doch die Vorgängerproduktion von Falk Richter beim Publikum nie wirklich beliebt. Die Inszenierung von Dmitri Tcherniakov, die nur an der Staatsoper neu ist, aber bereits 2006 in Moskau das Licht der Bühnenwelt erblickte, bestätigt allerdings die alte Weisheit, dass selten etwas Besseres nachkommt.

Andrè Schuen (Eugen Onegin) und Nicole Car (Tatjana) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH
Andrè Schuen (Eugen Onegin) und Nicole Car (Tatjana)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH

Optisch kann man nicht meckern, es gibt ein ansprechendes Bühnenbild und hübsche Kostüme, stilistisch ist das Ganze etwa im Russland der 1920er-Jahre angesiedelt. Grundidee und Personenführung des Regisseurs sind schnell zusammengefasst: Ein Haufen Landadeliger ist gelangweilt und/oder unglücklich. Nun ist diese Interpretation zwar nicht sonderlich weit von Puschkins Romanvorlage entfernt, aber Tcherniakov inszeniert beharrlich gegen Text und Musik an. Dass sich Inszenierung und Text spießen, wäre noch verkraftbar, dass Tcherniakov die Handlung aber durch eine Überzeichnung der Charaktere ins Belanglose zieht, indem die Figuren die Handlung zu parodieren scheinen, ist des Guten zu viel. Völlig egal was sich auf der Bühne abspielt, als Zuschauer fühlt man sich nie emotional betroffen, da die Figuren lediglich wie Stereotype wirken. Larina tritt als permanent überdrehte Gutsherrin auf, Olga macht sich über Lenski lustig, als er ihr seine Liebe erklärt, Tatjana wirkt so lethargisch wie eine Überdosis Valium und Eugen Onegin muss vor allem pseudo-lässig herumstehen.

Nicole Car (Tatjana) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH
Nicole Car (Tatjana)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH

Der Tiefpunkt dieser Produktion ist zweifelsohne dann erreicht, wenn Olga während Lenskis „Kuda, kuda” ihren in der Partynacht verlorenen Ohrring sucht – der schmerzvolle Abschied verkommt dadurch zu einer absurden Lächerlichkeit. Eine Farce ist auch das Duell, das niemand außer Lenski wirklich ernst zu nehmen scheint; am Ende ist er tot, der Vorhang senkt sich und im Zuschauerherz rührt sich nichts. Wenig leidenschaftlich verläuft nach der Pause die abschließende Konfrontation zwischen Onegin und Tatjana: während er aufgedreht wie ein Duracell-Häschen die Hände in alle möglichen Richtungen streckt, steht sie genervt herum; die emotionale Wirkung der Musik verpufft in der szenischen Nichtigkeit. Sogar beim Schlussapplaus stört die Inszenierung noch – der große Tisch steht im Weg, die Solisten müssen sich mühsam darum herum sortieren. Eine Situation, die sinnbildlich ist für das Verhältnis zwischen dieser Inszenierung und Tschaikowskis Werk.

Nicole Car (Tatjana) und Bogdan Volkov (Lensky) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH
Nicole Car (Tatjana) und Bogdan Volkov (Lensky)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH

Musikalische Highlights hätten das Ruder des Abends vielleicht noch herumreißen können, aber dafür fehlt es der Besetzung leider an Routine und Profil. Andrè Schuen bringt einen vokal ganz ausgezeichneten Onegin auf die Bühne, sein Bariton ist warm timbriert, schön geführt und besticht mit einer breiten Palette an Farben in der Stimme; der nonchalante Dandy ist er in dieser dritten Vorstellung nach seinem Rollendebüt aber (noch!) nicht. Als Tatjana lässt Nicole Car einige Wünsche offen: die Stimme geht in der Tiefe und Mittellage häufig im Orchester unter und wird in der Höhe eng. Ihr eigentlich schön timbrierter Sopran wirkte an diesem Abend immer wieder verschattet und kehlig und lässt vor allem Emotionen vermissen. Bogdan Volkov kämpfte als Lenski mit dem ein oder anderen Spitzenton, die angenehm cremige Mittellage und der Schmelz seines Tenors entschädigten jedoch großteils dafür. Emotionale Beteiligung suchte man allerdings auch bei ihm vergeblich – selten hat mich die Arie vor dem Duell so kalt gelassen. Mit einer schönen Stimme, die den Tiefen der Partie aber nicht immer ganz einwandfrei gewachsen war, brachte Anna Goryachova die Olga auf die Bühne. Wackelig und angestrengt klang Larissa Diadkova als Amme Filipjewna, Helene Schneidermann gab eine aufgedrehte Larina, die vokal auch schon bessere Zeiten erlebt haben dürfte. Blass blieb der Fürst Gremin von Dimitry Ivashchenko, dessen Bass zwar elegant und ebenmäßig durch die Partie floss, aber zu wenig imposant und dunkel ist, um mit seinem kurzen Auftritt wirklich Eindruck zu hinterlassen.

Nicole Car (Tatjana), Dimitry Ivashchenko (Fürst Gremin) und Andrè Schuen (Eugen Onegin) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH
Nicole Car (Tatjana), Dimitry Ivashchenko (Fürst Gremin) und Andrè Schuen (Eugen Onegin)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH

Zum Einsatz kam in dieser Produktion nicht der Chor der Wiener Staatsoper, sondern der Slowakische Philharmonische Chor, dessen Damen und Herren einen vorzüglichen Job ablieferten. Das Orchester der Wiener Staatsoper ist eigentlich eine sichere Bank, wenn es um slawische Werke geht, aber unter der Leitung von Tomáš Hanus wirkten die Musiker an diesem Abend ein bisschen aus dem Tritt gebracht. Einige Einsätze erklangen nicht ganz astrein, die Tempi waren mal schleppend – etwa in der Briefszene – und dann wieder unnötig gehetzt, beispielsweise in der Polonaise. Auch die vielschichtigen und widerstreitenden Gefühle loderten bestenfalls auf Sparflamme. Das innere Drängen, das bereits in Tatjanas Arie eingeführt wird und im letzten Akt von Onegin wieder aufgegriffen wird, war zum Beispiel nicht mehr als ein kleines Seelen-Feuerchen – die große Liebe sollte doch etwas eindrucksvoller klingen. So fügten sich Inszenierung und Musik zu einem belanglosen Ganzen und ich konnte Onegin letztlich nur beipflichten, als er feststellte: „И здесь мне скучно”!

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