Ziemlich reduziert und düster kommt die neue Fidelio-Inszenierung am Salzburger Landestheater daher. Andreas Gergen braucht nicht viel, um Fidelio trotzdem sehr bildgewaltig zu inszenieren. Wer Eisenketten, Gitterstäbe und andere bekannte Gefängnisutensilien erwartet, wird enttäuscht, denn Gergen lässt es in seinem Gefängnis so brutal zugehen, dass sich ohnehin niemand zu flüchten traute. Statt der Stäbe gibt es dünne weiße Seile, die vom Boden aus bis zur Decke gespannt sind. So kreiert Bühnenbildner Heinz Hauser immer wieder neue Raumformationen und Muster, die zu den zahlreichen Andeutungen dieser Inszenierung gehören.

Sinéad Mulhern als Leonode/Fidelio und Franz Supper als Florestan © Anna-Maria Löffelberger | Salzburger Landestheater
Sinéad Mulhern als Leonode/Fidelio und Franz Supper als Florestan
© Anna-Maria Löffelberger | Salzburger Landestheater

Ein Topf voller weißer Farbe beispielsweise kommt immer wieder zum Einsatz, um Grenzen, Markierungen und andere Hinweise auf dem schwarzen Bühnenboden zu zeigen. So reduziert auch die Ausstattung war, so vollgeladen mit Verweisen ist bisweilen die inszenierte Handlung. Von angedeutetem Waterboarding bis hin zu scheinbar willkürlichen Schießereien zeigt Andreas Gergen alle Gewalttaten, die man sonst nur aus Berichten über die Gefängniswärter in Guantanamo kennt. Grundsätzlich eine gute und aktuelle Grundidee, die für meinen Geschmack aber auch mit dem ein oder anderen Kopfschuss weniger ausgekommen wäre.

Dieses Bühnen-Guantanamo befindet sich in den Händen von tätowierten Springerstiefelträgern, die neben den Anzug tragenden Gefängnisleitern gleich noch viel wüster erscheinen. Und passend dazu trat Leonore bzw. Fidelio auch mit schwarzer Sonnenbrille und lässig aufgesetzter Mütze auf (Kostüm: Susanne Hubrich).

Fidelio wurde von Ludwig van Beethoven zwar mit der metastasianischen Prägung der italienischen Oper komponiert, jedoch ist das Werk besonders für seine Sprechanteile in deutscher Sprache bekannt. Dies war für die teilweise nicht muttersprachlichen Sänger jedoch kein Problem, da Gergen sich hier etwas ganz Besonderes ausgedacht hatte: Anstelle der Sänger wurden die Dialoge von Schauspielern eingesprochen und vom Band abgespielt, was den passenden Eindruck erweckte, man belausche das Geschehen über ein Funkgerät.

Franz Supper als Florestan © Anna-Maria Löffelberger | Salzburger Landestheater
Franz Supper als Florestan
© Anna-Maria Löffelberger | Salzburger Landestheater
So düster die Inszenierung auch ist, die sängerischen Leistungen strahlten an diesem Abend dafür umso heller. Wenn auch nur im zweiten Akt präsent, so war es vor allem Franz Supper als Florestan, der alle übertraf. Mühelos übertönte er mit kräftigem Vortrag und Stimmfülle das Mozarteumorchester. Auch in den Höhen stets treffsicher schwebten seine Melodiebögen über dem Geschehen und zeichneten mit samtiger Textur das Bild eines gebrochenen Mannes, der dennoch an die Hoffnung glaubt. Diese Hoffnung in Gestalt der Leonore wurde von der irischen Sopranistin Sinéad Mulhern gesungen. Mulhern stand Supper in puncto kraftvollem Ausdruck in nichts nach.

Mit Leichtigkeit schwebte auch sie geradezu durch die schnellen Passagen, akzentuierte viel durch Dynamik und ließ sich keine Gelegenheit entgehen, ihr breites Vibrato einzusetzen. Großartig war auch Stephen Bronk als Rocco. Der Bassbariton fiel besonders durch seine facettenreichen Tiefen auf, hatte jedoch ebenso wenig Mühe in der Höhe, und seine kräftig ausgesungenen Haltetöne ließen seine Figur noch bedrohlicher erscheinen. Einen starken und skrupellosen Don Pizarro gab Adrian Gans, der mit seinem großen Volumen und dunklen Timbre, besonders aber durch sein brodelndes Vibrato seine angsteinflößende Wirkung gezielt unterstrich. Kristofer Lundin besitzt zwar eine warme und klare Tenorstimme, der man nichts Böses zutraut, darstellerisch zeigte er als Jaquino aber einen überzeugend eiskalten Menschen.

Adrian Kelly spielte an diesem Abend gerne mit der düsteren Klangwirkung des Mozarteumorchesters, die das Geschehen auf der Bühne ergänzte. Insgesamt spielten das Orchester sehr ausgeglichen, und Kelly erzeugte kontrastierend zudem eine schöne dynamische Heiterkeit, obwohl auf der Bühne gerade die Welt unterging. Nur manchmal wurde den Sängern genau das zum Verhängnis und sie mussten gegen die Klanggewalt des Mozarteumorchesters ankämpfen.

Obwohl Beethoven nach zweieinhalb Stunden Aussichtslosigkeit doch noch ein gutes Ende für Fidelio vorgesehen hatte, ließ Andreas Gergen es um Biegen und Brechen nicht zu. Die Giftspritze, deren Einsatz das Auftreten von Don Fernando eigentlich vereiteln sollte, landete doch noch in Florestans Arm. Bis zum Ende des letzten Tons hält er noch durch, dann geht er langsam zu Boden. Keiner tut etwas. Mit einer großen Portion künstlerischer Freiheit hat Gergen das Ende der Oper modernisiert und ihr einen Ausgang verschafft, der in heutiger Zeit erschreckend wahrscheinlich ist. Ob einem das gefällt, ist eine andere Sache.