Da die Orgel im Festsaal der Franz Liszt-Akademie Budapest revidiert wird, mussten für die Konzerte dieser Woche andere Lokalitäten gefunden werden. Der heutige Anlass fand deshalb im großen Saal des Pesti Vigadó statt.

Als erstes spielten Andreas Brantelid und Shai Wosner die zweisätzige Cellosonate Op.4 von Kodály. Da musste sich das Ohr erst an die (fehlende) Akustik des Raumes gewöhnen: in der Erfahrung dieses Abends ist der Saal für Streichinstrumente durchaus geeignet, aber der Bösendorfer 290 Imperial klang relativ verschwommen und gedämpft, kam nicht wirklich zur Geltung, dafür umso mehr der schöne, warme Ton und das frei schwingende Vibrato des Cellos. Für das Konzerterlebnis dieses Abends war die Akustik aber eine Marginalie, für reine Streicherensembles dünkte sie mich gar ideal!

Andreas Brantelid © Posztós János
Andreas Brantelid
© Posztós János

Das einleitende Cello-Solo machte mich glauben, Prokofiev hätte in seiner Cellosonate in C-Dur 40 Jahre später hier „abgeschaut“: warme, eingängige Harmonik, Motive und Ausdruck sind sehr ähnlich. Das Idiom ändert aber nach einer kurzen, fallenden Klavierkadenz, wobei auch der Klavierpart deutlich anspruchsvoller wird, mit sehr raschen Oktavparallelen, oft trockenen, kurzen Ausbrüchen zu rhapsodischen Arpeggiandi auf dem Cello. Mehrmals wechseln die Instrumente die Rollen, bevor der Satz leise verklingt. Das Cello scheint mit ruhig abflauendem Atem ent- oder einzuschlafen: wunderbare Musik! Das Allegro con spirito ist vielgestaltig, spielerisch, dabei aber technisch noch anforderungsreicher (von Shai Wosner souverän gemeistert) – mit seinen häufigen Stimmungs- und Tempowechseln bedingt es ausgezeichnet abgestimmtes Musizieren. Auch hier fühlte ich mich gelegentlich an Wendungen von anderen Komponisten erinnert, aber das tat dem Genuss keinen Abbruch, bereicherte eher das Hörerlebnis. Die Musik scheint in einer langen Fermate zu enden. Aber ein letztes Segment folgt, klingt wie eine Antwort aus dem Jenseits auf den verklungenen Teil, und als Rückgriff auf den ersten Satz beendet wiederum das „Einschlafmotiv“ die Sonate.

Barnabás Kelemen (Violine) und László Fenyő (Cello) © Posztós János
Barnabás Kelemen (Violine) und László Fenyő (Cello)
© Posztós János

Die zweite Komposition von Kodály, das Duo für Violine und Cello, Op. 7, wurde kongenial interpretiert von Barnabás Kelemen und László Fenyö, zwei Musikern, die sich offensichtlich bestens verstehen und emotional in vollständiger Übereinstimmung agierten. Die Hauptschwierigkeit in dieser Musik ist nicht so sehr die exakte rhythmische Koordination, sondern der perfekte Abgleich im Rubato. Das ungarische Temperament der Musiker war für das Gelingen sicher maßgeblich. Im ersten Satz fand ich ohrenfällig wie ungemein wandlungsfähig Kelemens Geigenton ist: von rustikal zu warm, ungarisch-expressiv, dann wieder sehnsüchtig, oder ätherisch. Die Musik erzählt eine Geschichte, mit nie erlahmender Spannung, wieder sehr facettenreich, motorische Pizzicati treiben vorwärts. Das Adagio beginnt verhalten, diskret, entwickelt dann aber „Gipsy-Flair“. Rasche, tiefe Tremoli im Cello erzeugen eine unheimliche Atmosphäre, die beiden Stimmen illustrieren ein dramatisches, ereignisreiches Geschehen, sprechend, ansprechend in ihrer ganz eigentümlichen Harmonik und Melodik. Der Schlusssatz setzt diese reiche Szenerie fort: fantastisch und zugleich unterhaltsam! Die beiden Musiker agierten scheinbar selbständig, benötigten kaum je Blickkontakt – trotzdem entstand eine Interpretation komplett aus einem Guss, äußerst virtuos und souverän!

George Enescu: <i>Oktett, Op. 7</i> © Posztós János
George Enescu: Oktett, Op. 7
© Posztós János

Waren schon die beiden Duo-Aufführungen Interpretationen der höchsten Güteklasse, so wurden diese als Erlebnis durch das Oktett in C-Dur, Op.7 von Enescu noch deutlich übertroffen. Vilde Frang leitete das Ensemble, insgesamt sechs Musiker und zwei Musikerinnen, vom ersten Pult aus – hochqualifizierte, hochkarätige Individuen der gleichen Generation, vereint im Willen, eine Spitzenleistung zu erbringen. Vilde Frang hatte das Heft in der Hand, aber wenn ihre Stimme pausierte, übernahmen die Führer anderer Stimmgruppen zwanglos die Leitung. Wieder hörte ich kongeniales, engagiertes und konzentriertes Musizieren aus einem Geist, obwohl es sich nicht um ein langjähriges, festgefügtes Ensemble handelte.

Und erst die Musik! Schon der Eingangssatz ist sehr leidenschaftlich, spannend, erinnert im Temperament gelegentlich an Mendelssohns Oktett, doch ohne dessen persistente, oft nervöse Motorik: hier sind es rasch schreitende Pizzicati, die den Fluss am Laufen halten. Enescus Musik ist intensiv, glühend, äußerst expressiv, hinreißend, oft dramatisch, gegen Schluss auch rührend, intim. Kurz vor dem verklingenden Schluss hat die erste Violine ein Solo, das in seiner wehmütigen Art an den langsamen Satz aus Dvořáks Neunter erinnert. Das Très fougeux ist sehr resolut und ebenso leidenschaftlich, aber auch genauso vielfältig: neben dramatischen, eruptiven Abschnitten steht ein inniges Violinsolo, das von Richard Strauss sein könnte.

Diese Segmente stehen nicht einfach nebeneinander, sondern bilden einen sinnfälligen dramatischen Ablauf, in dem die Spannung auch über Pausen gehalten wird, hin zum erst furios-heftigen Schluss, der dann doch leise verklingt: Musik, die mir manchmal fast das Herz stocken ließ. Der langsame Satz, meist con sordino, folgt attacca: ruhig schreitend, Soli mit wunderbaren, sehnsüchtigen Melodien, hier aber nie schwülstig, und auch da, über Steigerungswellen hinweg, ebenso im pp, ließ die Spannung, die Intensität nie nach. Ein Crescendo zu einem tremolierten Fortissimo leitet nahtlos über in den abschließenden Mouvement de valse. Dieser erinnerte mich in seinem Zug, dem Vorwärtsdrang, der Dramatik an Ravels La valse – manchmal ähnlich übersteigert, aber ohne dessen absurde Komponente: wiederum hinreißend in seiner dramatischen Polyphonie. Später mischen sich wunderbar wehmütige Walzermelodien in das vielfältige Geschehen. Ein ungemein faszinierendes Werk!