So leise, so laut, so in Zweifeln versunken, so in Zuversicht sich erhebend. Gustav Mahlers Symphonie Nr. 8 ist an Superlativen kaum zu überbieten. Doch die Berliner Philharmoniker, gemeinsam mit drei Chören und acht Solist*innen, unter der Leitung von Chefdirigent Kirill Petrenko schaffen es dennoch. Es ist einer dieser Abende, der sich nicht in Applaus auflöst, sondern sich in die Erinnerung verwebt. Hier ist Mahlers „Symphonie der Tausend“ kein Monumentalwerk, sondern ein lebendig atmender Kosmos.

Kirill Petrenko dirigiert Mahlers Achte Symphonie © Monika Rittershaus
Kirill Petrenko dirigiert Mahlers Achte Symphonie
© Monika Rittershaus

Der Wirbelsturm beginnt klanggewaltig mit dem tief dröhnenden Es-Dur Akkord. Mahler komponierte seine Achte Symphonie als Welten überwindendes Gedicht der Vereinigung: Chor, Orchester und Solist*innen sind untrennbar miteinander verbunden, die Grenzen zwischen Menschlichem und Kosmischem verschwimmen. Doch an diesem Abend in der Berliner Philharmonie ist das keine gigantische Geste und bloße Wucht, sondern eine Klanglandschaft feinster Abstufungen. Gleiche Achtung gilt hier dem monumentalsten Chorsatz wie dem zartesten Flüstern der Holzbläser.

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Unter dem gestenreichen Dirigats Petrenkos prägen Wendigkeit, Präzision und Transparenz das Konzert. Die Klanglandschaft erscheint traumwandlerisch gezeichnet, ein intimes Panorama der Welt in all ihren Sphären. Mahlers Achte ist hier keine Symphonie der dröhnenden 1000 Dezibel, sondern eine Symphonie des Atems und der Berührung.

Besonders deutlich wird das zu Beginn des zweiten Teils, der die Schluss-Szene aus Goethes Faust II einleitet. Wie aus einem leisen Windstoß setzt sich das Orchester in Bewegung, insbesondere die ersten Violinen spielen im weiteren Verlauf so sanft, dass man meint, ein Hauch könne den Ton für immer forttragen. Die scheinbar leichte Artikulation wirkt jedoch nicht als reine Zurückhaltung, sondern als ein Akt der Konzentration. Zu atmen scheint der Klang. Dramatik pur, ganz ohne Fortissimo-Höhepunkt. So liegt die wahre Brillanz dieser Aufführung in ihren stillen Momenten und der filigranen Feinzeichnung.

Golda Schultz, Jacquelyn Wagner, Beth Taylor, Fleur Barron und Kirill Petrenko © Monika Rittershaus
Golda Schultz, Jacquelyn Wagner, Beth Taylor, Fleur Barron und Kirill Petrenko
© Monika Rittershaus

Auch markdurchdringende Höhepunkte bietet dieser Abend. Wenn sich Chor und Orchester zum Ende der beiden Teile vereinigen, scheint für einen Moment die Decke der Philharmonie sich um einige Millimeter zu heben – nicht als Flucht aus dem Raum, sondern als kollektive Hebung des Sinns und der Stimmung. Nach dem Ende des Pfingsthymnus „Veni, creator spiritus“ verirrt sich ein halber Klatscher durch die philharmonischen Weinberge, dann scheint man ein kollektives Seufzen zu hören, das durch das Publikum geht. Ein inneres Nachklingen, wie wenn ein kollektiver Atemzug ausgelassen wird. Selbst das grippesaisonale Hustkonzert findet an diesem Abend kaum Mitwirkende, so zum Bersten gespannt ist die Stimmung, die sich am Ende in „Bravo-Rufe“ und lange stehende Ovationen entladen wird.

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Gewohnt flott ist Petrenko in seinem Dirigat unterwegs. Doch wirken die Tempi, als ob sie einem inneren Puls folgen: Rasend und doch unmerklich. So sehr, dass man erst nach dem Ende auf die Uhr blickt und sich fragt, wann die Zeit so schnell verronnen ist. Keine Hast, sondern ein raffiniert gebautes Fließen. Dabei folgen die Philharmoniker ihrem Chefdirigenten auf jede Mimik und Gestik. Ebenso die drei Chöre, der Rundfunkchor Berlin, der Bachchor Salzburg und die Knaben des Staats- und Domchors Berlin, sowie die Solist*innen Jacquelyn Wagner, Golda Schultz, Jasmin Delfs, Beth Taylor, Fleur Barron, Benjamin Bruns, Gihoon Kim und Le Bu. Sie alle verschmelzen zu einem organischen Ganzem.

Kirill Petrenko dirigiert Mahlers Achte Symphonie © Monika Rittershaus
Kirill Petrenko dirigiert Mahlers Achte Symphonie
© Monika Rittershaus

Am Ende bleibt nicht nur Applaus – es bleibt ein leises Nachhallen im Raum und im Inneren. Zart und gewaltig. Kein Überwältigen, sondern ein einladender Dialog. Diese Symphonie Nr. 8 von Gustav Mahler behauptet sich nicht durch schiere Masse, sondern durch Sinnlichkeit, Wachheit und eine fast körperliche Präsenz des Klanges. Was Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker mit Chören und Solist*innen hier entfalten, ist weniger ein musikalisches Ereignis als ein gemeinsames Erleben. Ein Innehalten zwischen Zweifel und Zuversicht, zwischen irdischer Fragilität und metaphysischer Hoffnung. Ein Abend, der sich nicht abschließt, sondern fortwirkt – lange über den letzten verklingenden Ton hinaus.

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