Alles neu macht der September: Mit einem geänderten Namen wartet das heimische Orchester zu Saisonbeginn auf. Nicht mehr Grazer Philharmonisches Orchester, sondern kürzer und prägnanter Grazer Philharmoniker nennt sich der Klangkörper nun. Dieses Rebranding darf wohl auch als selbstbewusstes Statement verstanden werden, was angesichts des am Eröffnungsabend der Oper Graz Gehörten durchaus seine Berechtigung hat.

Oksana Lyniv © Oper Graz | Oliver Wolf
Oksana Lyniv
© Oper Graz | Oliver Wolf

Unter der Leitung von Chefdirigentin Oksana Lyniv lieferte das Orchester eine klare und transparente Interpretation von Sergej Rachmaninows Klavierkonzert Nr. 2, frei von orchestralem Pathos und aufdringlicher Süßlichkeit. Das innere Drängen der Musik kam in Lynivs Lesart ebenso zur Geltung wie die Verletzlichkeit der Komponistenseele – nicht umsonst hat Rachmaninow das Werk einst seinem Hypnose-Therapeuten gewidmet. Die wie immer für verlässlichen Wohlklang sorgenden Streicher wurden in dieser ersten Konzerthälfte durch die auffallend akzentuierten Bläser ideal komplementiert und umhüllten die Klaviersolistin mit einem differenziert gestalteten Klangmantel. Die ukrainische Pianistin Kateryna Titova beeindruckte dabei nicht nur mit lupenreiner Technik und beinahe abartig schnellen sowie akuraten Läufen, sondern verschmolz mit ihrem Instrument und Rachmaninows Musik zu einem untrennbaren Ganzen. Dabei glitt ihre technische Finesse jedoch nie in Effekthascherei ab, viel mehr waren es die Selbstverständlichkeit der Darbietung und die vielschichtigen Farben und Stimmungen, die sie zum Leben erweckte, die für Effekt sorgten; so ließ Titova etwa das Klavier im schwermütigen Adagio mit der Klarinette in ein tröstendes Zwiegespräch treten und im dritten Satz die Musik zunächst wie ein zartes Vögelchen zwitschern, um sich dann im eksatischen Finale wie ein Raubvogel präzise auf die Beute zu stürzen. Mit ihrer Zugabe – Étincelles von Moritz Moszkowski –bewies die Solistin einmal mehr ihre technische Virtuosität sowie ihre von Herzen kommende Gestaltung und entließ das Publikum spürbar euphorisiert in die Pause.

Kateryna Titova © Oper Graz | Oliver Wolf
Kateryna Titova
© Oper Graz | Oliver Wolf

Der zweite neue Name des Abends war in der zweiten Konzerthälfte der des polnischen Komponisten Karol Szymanowski, dessen Werke bisher selten in Graz zu hören waren und die generell in Opern- und Konzerthäusern ein Schattendasein fristen. Kommenden Februar steht in der Grazer Oper aber König Roger auf dem Spielplan und so konnte das Publikum Szymanowski und seinen Stil schon mal vorab „beschnuppern”. Auf seine Zweite Symphonie war der Komponist laut eigenen Aussagen besonders stolz, habe doch kein Pole vor ihm jemals etwas Vergleichbares komponiert. Angesiedelt an der Grenze zwischen Romantik und Moderne hat Szymanowski hier eine ganz eigene Klangsprache entwickelt, an Strauss erinnernde Passagen treffen auf Tschaikowskieske Bögen. Mit ihrer Mischung aus Weltuntergangsstimmung, Todessehnsucht und berückender Schönheit würde diese Symphonie den perfekten Soundtrack für Lars von Triers filmisches Epos Melancholia bilden. Wie bereits vor der Pause kostete Lyniv die dynamische Bandbreite voll aus, kratzte mit den Piani teils an der Grenze zum Unhörbaren und drehte dann wieder voll auf. Dass das Orchester in Szymanowskis Komposition dabei nie den Faden verlor, dafür sorgte die Dirigentin durch ihre analytische Herangehensweise an das Werk. So drohten die einzelnen Instrumentengruppen nie zu zerbröseln, sondern verwoben sich ineinander zu einer rauschhaften Mischung aus ausladenden Bögen und fein ziselierten Details. Man merkte bei dieser Saisoneröffnung auch deutlich, dass die Beziehung zwischen Dirigentin und Orchester zu Beginn ihres zweiten gemeinsamen Jahres nun richtig gefestigt ist und die Musiker höchst konzentriert an den Gesten und der Interpretation ihrer Chefin hängen. In dieser Symphonie hatten auch endlich die an diesem Abend bestens disponierten Blechbläser mehr zu tun als zuvor bei Rachmaninow, sodass man in den Genuss von Blech-Passagen voll unmittelbarer Forschheit kam, die in ihrer Energie und ihrem Ausdruck etwas an Schostakowitsch erinnerten und einen herrlichen Kontrast zu den oftmals regelrecht lieblichen Streichern bildeten.

Am Ende des Konzerts blieb für mich nur eines schleierhaft: warum dieses Werk bzw. der Komponist Karol Szymanowski angesichts seiner hypnotischen Klangwelt nicht öfter zu hören ist. Denn neue Namen und alte Frische weckten die Vorfreude auf die kommende Saison und machten mich vor allem neugierig auf die Premiere von König Roger.

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