Nicht ohne Stolz weist der Musikverein für Steiermark gerne darauf hin, dass Elīna Garanča bereits eine Art Stammgast im Stefaniensaal ist; so ist sie diesen Oktober bereits zum vierten Mal hier zu hören gewesen. Dieses zweite, restlos ausverkaufte, Festkonzert der heurigen Saison bot weit mehr, als die meisten üblichen Gala-Konzerte und sorgte damit beim Publikum für Begeisterungsstürme. Davon, dass es sich um eine Tour zur Promotion ihrer vor Kurzem erschienenen CD handelte, war wenig zu merken, sang sie doch nur zwei auch auf Meditation enthaltene Stücke. Das Programm reichte von Bach über Sibelius bis hin zu Verdi und Bizet, blieb dabei aber fernab von Schlagern des Mezzosopran-Repertoires und Orchesterwerken.

Karel Mark Chichon © Marco Borggreve
Karel Mark Chichon
© Marco Borggreve
Wie umsichtig und einfühlsam Karel Mark Chichons Dirigat werden würde, davon konnte man sich schon bei den ersten Tönen von Bach’s Air aus der Suite Nr. 3 in D-Dur überzeugen, in denen die Streicher die Musik regelrecht zum Schweben brachten. Überhaupt zeigte sich das Wiener Kammerorchester bestens disponiert, perfekt aufeinander abgestimmt, und spielte dabei auf so hohem Niveau, dass es praktisch unmöglich ist, nur ein Highlight zu nennen. Chichon atmete regelrecht mit den Musikern mit und animierte diese wiederum zu Höchstleistungen. Als besonders beeindruckend erwies sich Sibelius' Symphonische Dichtung Finlandia, bei der sich das Orchester bis ins stärkste Forte steigerte und allen voran die Blechbläser begeistern konnten. Während es der Interpretation der Ouvertüre aus La Forza del Destino leider stellenweise etwas an Dramatik fehlte, bot das Intermezzo aus der Cavalleria Rusticana Verismo vom Allerfeinsten. Einen Hörgenuss der Sonderklasse bot auch der Danze delle ore aus Ponchiellis La Gioconda, wo wiederum die Streicher besonders positiv auffielen.

Star des Abends war dennoch ganz klar Elīna Garanča, die nach ihrer Babypause wieder zurück auf den Bühnen dieser Welt ist und dabei (noch) besser klingt als je zuvor. Bei ihrer ersten Arie an diesem Abend, Charles Gounods „Repentir‟, schien das gesamte Publikum im Saal für einige Augenblicke den Atem anzuhalten. Ihre verinnerlichte Interpretation, die nie auf den großen Effekt abzielte, imponierte und berührte so sehr, dass man sich beinahe wirklich einer Betenden gegenüber wähnte, ein Eindruck, der sich auch bei Vladimir Vavilovs „Ave Maria‟ bestätigte. Auch wenn man sich auf einigen Aufnahmen von den vokalen Fähigkeiten der Garanča überzeugen kann, ist es doch etwas völlig Anderes, sie live zu hören. Die Weiterentwicklung der Stimme ist beeindruckend – einerseits hat die Tiefe an Substanz dazugewonnen, andererseits ist die Höhe noch strahlender geworden. Sowohl im Piano als auch im Forte fließt die Stimme herrlich unforciert und lässt auf interessante Rollendebüts in der Zukunft hoffen. Zum vokalen Highlight des Abends wurde die letzte Arie vor der Pause – Das „Pace, Pace‟ aus Verdis La Forza del Destino. Der Ausflug ins Sopranfach war schlicht und einfach grandios. Elīna Garanča schaffte es, das Flehen der Leonora um Erlösung nur mit der Stimme zu illustrieren und die Verzweiflung so drastisch darzustellen, dass vermutlich sogar die Wände des Stefaniensaals Gänsehaut bekommen haben.

Elīna Garanča © Gabo/DG
Elīna Garanča
© Gabo/DG
Auch nach der Pause ging es emotional weiter: „Que faire - Sol adoré de la patrie‟ aus Donizettis Dom Sébastien und „Voi lo sapete, o Mamma‟ aus Mascagnis Cavalleria Rusticana, bei dem sie eindrucksvoll bewies, dass auch Verismo belcantesk klingen kann, ohne auf Dramatik zu verzichten. Den ganzen Abend überzeugte das Wiener Kammerorchester nicht nur in den wunderbaren Orchesterstücken, sondern auch bei den von Elīna Garanča gesungenen Arien. Ebenso erwies sich Karel Mark Chichon als überaus sensibler und sängerfreundlicher Dirigent.

Zum Ende des Abends wurde es nach sakralen und dramatischen Werken doch noch etwas fröhlicher – im „Chanson Bohême‟ aus Carmen konnte Elīna Garanča ihren ganzen Charme spielen lassen und beweisen, warum sie als eine der führenden Interpretinnen dieser Rolle gilt. Im gleichen Stil ging es bei den zwei Zugaben weiter. Bei „Al Pensar‟ aus der Zarzuela Las hijas del Zebedeo von Ruperto Chapí bewies die oft als kühl bezeichnete Lettin, wie auch schon als Carmen, dass sie sehr wohl temperamentvoll sein kann und die Fähigkeit besitzt, das Publikum um den Finger zu wickeln. Dieser stimmungsvolle Abend kam nun doch um einen Schlager nicht herum, und für das zunehmend enthusiastische Publikum gab Garanča dann „Granada‟ als krönenden Abschluss dieses Festprogrammes, dessen Künstler mit stehenden Ovationen belohnt wurden.

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