Gut 100 Jahre sind vergangen, seit Robert Wienes Stummfilmklassiker Das Cabinet des Dr. Caligari 1920 in die Kinos kam. Ein Film, der die Traumata der Menschen im Deutschen Reich nach dem Weltkrieg in der jungen Weimarer Republik auf die Leinwand holte, den Glauben an scheinbar attraktive Heilversprechen thematisierte, Manipulation der Massen als Horrorvision entwarf.

Schon 2018 hatten sich Bernhard F. Loges, damaliger Intendant des Landestheaters Coburg, der Librettist und Regisseur Alexander Charim und der Komponist Ulrich Kreppein mit dem Stoff und seiner zunehmenden Bedeutung auch in unseren Tagen beschäftigt. Coronajahre und Umzug der Bühne ins neue Coburger Globe Theater hatten das Auftragswerk immer wieder verzögert; rechtzeitig zum heurigen 200-jährigen Jubiläum des Landestheaters konnte die Uraufführung von Kreppeins Musiktheater in 24 Szenen und einem Zwischenspiel, gefördert von der Ernst von Siemens Musikstiftung, gefeiert werden. Kreppein und Charim sehen in Caligari weit mehr als die Adaption eines berühmten Filmklassikers, beobachten eine von Angst geprägte Gesellschaft, die sich zunehmend radikalisiert und manipulieren lässt. Trotzdem solle „Oper ja immer ein Fest für die Sinne“ sein, Mord und Liebe, Angst und Freude im modernen Musiktheater erlebbar werden.

Franzis ist Patient einer psychiatrischen Klinik. Während einer Gruppentherapie fordert ihn sein Arzt auf, von prägenden Ereignissen zu erzählen. Gemeinsam mit seinem Freund Alan hatte Franzis einen Jahrmarkt besucht, auf dem der Schausteller Caligari seinen Schlafwandler Cesare präsentierte, der Fragen zur Zukunft beantwortete. Als Alan ihn ansprach, wie lange sein Leben noch dauere, antwortete Cesare: „Bis zum Morgengrauen“. Und wirklich fand man Alan am Folgetag ermordet auf. Die Polizistin Jane, mit Franzis in lockerem Liebesverhältnis verbunden, nimmt die Ermittlungen auf. Auch eine weitere Todesvorhersage des Somnambulen trifft ein; Angst und Misstrauen verbreiten sich in der Stadt, sicher geglaubte Wahrnehmungen geraten ins Wanken. Hintermänner erscheinen wie ein unendliches Spiegelkabinett, bekommen paranoide Architektur. Caligari entwickelt am Ende ein neues Geschäftsmodell: den Sicherheitscoach unter dem Motto „Die Angst ist dein neuer bester Freund“.

Was zu Stummfilmzeiten bestenfalls dem Eifer des Pianisten oblag, übertrug Ulrich Kreppein nun den Musikern im Orchestergraben. Der Komponist, der bei Lachenmann, Murail und Trojahn studiert hat, bewegt sich in einem Klangfeld mikrotonaler Spektren, räumlicher Klangeffekte und geräuschhafter Spieltechniken. Schon zu Anfang durfte man rätseln, ob die Vogelstimmen im Raum von außen hereintönten, aus dem Graben oder vom Band kämen. Kreppein entwickelt in Caligari eine Harmonik, die bekannte Klangwelten aufnimmt und auflöst: Alles zerfließt, man kann sich nicht festhalten und soll ebenso lustvoll wie beunruhigt durch die Klangwucherungen gleiten. Doch über die Dauer der teils kurzen Szenen wird die Musik oft nur Beiwerk, Geräuschkulisse; kann aber Angststimmungen widerspiegeln, auch die kurze Entspannung in den verliebten Gefühlen zwischen Franzis und Jane emotional ausstaffieren. Als treibende Kraft, durch eine Art Leitmotivik etwa, konnte man sie nicht empfinden.
Die musikalische Leitung übernahm David Preil, Erster Kapellmeister am Landestheater. Das Philharmonische Orchester, mit vielen Bläserstimmen und Schlagwerk angereichert, hatte er bestens präpariert, die Synchronisation mit dem zugespielten Bandmaterial lief perfekt. Dass auch die Gesangsstimmen verstärkt werden konnten, war nur selten herauszuhören.
Alexander Charim, der in Coburg bereits einen bewegenden Peter Grimes eingerichtet hatte, und die Ausstatter hatten auf die Coburger Drehbühne einen leicht kegelförmigen Stadtteil gesetzt, dessen winklige Gässchen und schräg beengte Räume in diversen Grautönen schon immanent das Gefühl von Beklemmung transportieren. Ohne Stocken konnte man so Szene an Szene reihen, die Windeseile sich verbreitender Gerüchte räumlich festmachen. Projektionen von Videosequenzen öffnen den Blick ins Innere einzelner Personen wie von Gruppen.

Flink war auch das Spiel aller Akteure, entfachte den Drive, der für das Schwindelgefühl verantwortlich ist, in einen Abgrund aus Manipulation und Chaos zu fallen, gleichermaßen Anziehung wie Abstoßung zu durchleben, dem Wahrgenommenen immer weniger zu trauen. Das Erschreckende dabei: Die Aktualität des Stoffs ist auch nach 100 Jahren eher gewachsen, der Schwung im Karussell der Ereignisse stärker, die Horroroper Abbild aktuellen Krisenmanagements. Bei der finalen Wendung schließlich, Caligari in einer neuen geschäftlichen Vision leichtfüßig neue Kundschaft anwerben zu lassen, musste einem das Lachen im Halse stecken bleiben.
Die täglichen Stimmungsschwankungen des labilen Franzis brachte der australische Bariton Daniel Carison bewundernswert einfühlsam auf die Bühne; Angst wie Verliebtheit konnte er spielerisch in seinem voluminösen Stimmklang mitreißend ausdrücken. Ebenso vielschichtig charakterisierte die Sopranistin Hlengiwe Mkhwanazi die Polizistin Jane, spielstark und mit kraftvoller vokaler Stärke auch im Mezzofach.

Als Gast beeindruckte der 1997 geborene Schweizer Countertenor Elmar Hauser in der Rolle des Cesare. Etwas Dämonisches geradezu wusste er in sein Spiel zu legen, sängerisch im Wechsel von Kopf- und Bruststimme sein Wesen als Getriebener wie auch als Antreiber der sich steigernden Paranoia zu offenbaren. Dem Anstaltsarzt gab der Schauspieler Nils Liebscher Statur und Stimme; als Dr. Caligari überzeugte der australische Bariton Christopher Tonkin. Mustergültig sang und agierte auch der Chor des Landestheaters als Patientengruppe oder Volksmasse, hatte die Aufregung der Bürger bis in die Mitte des Parketts zu tragen. Eine hautnahe Erfahrung! Und als Ganzes ein Denkanstoß in Zeiten von politischem Populismus, bei dem die gefühlte Wahrnehmung von Wirklichkeit ins Wanken geraten muss.

























