Es ist nun genau acht Jahre her, als ich Thomas Hengelbrocks Balthasar-Neumann-Chor (BNC) und -Ensemble (BNE) das erste Mal live erlebte, ein Abend mit Bachkantaten in Essen. Dass ich mich noch immer an die packende Eröffnung der Kantate BWV19 Es erhub sich ein Streit erinnere und Chor, Orchester und dessen künstlerischen Leiter seitdem regelmäßig im Konzert verfolge, verdeutlicht, welchen Eindruck die Aufführung und die Interpreten hinterlassen haben. 1991 gegründet und nach dem barocken Großbaumeister Balthasar Neumann benannt, widmet sich Hengelbrock vornehmlich dem barocken Repertoire, alsbald aber schon über die Zeit des Namenspatrons hinaus der klassischen Chorliteratur. Von Anfang an schlummerte ebenfalls der Wunsch in seinem Gründer, dies als Ausgang zu nehmen für die Erschließung des romantischen Repertoires, welcher 2016 mit der Elias-Tournee in Erfüllung gehen sollte. Und genauso ist beim Blick in Hengelbrocks Biografie nicht verwunderlich, den Chor selbstverständlich zudem für (Ur-)Aufführungen der Moderne einzusetzen.

Thomas Hengelbrock © Florence Grandidier
Thomas Hengelbrock
© Florence Grandidier

JK: Wie viel Zeit verbringen Sie mit der Recherche zu den aufgeführten Werken, wie sieht Ihre Arbeitsteilung in der Einstudierung des BNC aus und sind gegebenenfalls noch weitere Personen oder Chormitglieder darin näher involviert?

TH: Wir haben in unserem Büro mehrere festangestellte Mitarbeiter, die sich um die Organisation sämtlicher Projekte kümmern. Darunter auch eine Dramaturgin, die mich bei der Recherche zu jedem Werk unterstützt: Das beginnt bei der Konzeption von Projekten, der Erarbeitung von interessanten und stimmigen Programmen, führt weiter über die Sondierung und Beschaffung der Quellen (Autographe, Erstdrucke, Stimmbücher, Briefe etc.) und endet mit dem musikologischen Erarbeiten des historischen Kontextes. Je nach Umfang und Bedeutung des aufgeführten Werkes können das mehrere dicke Ordner sein! Darüberhinaus haben wir in der Balthasar-Neumann-Edition schon viele Opern, Chorwerke und Orchesterstücke selbst ediert.

Wie unterscheidet sich in der Chorarbeit das Herangehen an das Repertoire, das ja nicht nur auf die Zeit Balthasar Neumanns, dem Beginn des 18. Jahrhunderts, beschränkt ist, sondern von der Renaissance bis zur Moderne reicht?

Die Herangehensweise bleibt für mich grundsätzlich gleich: Ich versuche, u.a. auch mit den oben beschriebenen Mitteln, mir ein Werk möglichst nah heranzuholen, um eine profunde Basis für eine Aufführung zu haben, unabhängig davon, ob es ein zeitgenössisches oder altes Werk ist. Dazu gehört auch, dass man sich beständig weiterentwickelt, neugierig und aufmerksam bleibt im Aufspüren der stilistischen und individuellen Eigenheiten der Stücke. Im Orchester kann man beispielsweise für die Aufführung von Opern von Monteverdi, Händel, Mozart oder Verdi jeweils andere Instrumente spielen, um einen möglichst idiomatischen Klang zu erzeugen. Als Sänger müssen sie alles mit einem einzigen Instrument, nämlich ihrer Stimme herstellen. Der Balthasar-Neumann-Chor verfügt über fantastische SängerInnen, die vom vibratolosen, zarten Klang bis zur expressionistisch üppigen Aufladung alles beherrschen.


Ein wesentlicher Unterschied besteht sicherlich im Text und dessen Aussprache: mir fällt auf, dass Sie nun öfter die deutsche Aussprache auch in lateinischen Grundlagen italienischen Ursprungs wählen. Woher kommt diese Entscheidung und wie intensiv stellt sich die Textarbeit im Englischen, Französischen oder – wie zuletzt auch gehört – im Russischen dar?

Die historisch korrekte Aussprache ist ein in der Forschung durchaus strittig diskutiertes Faktum; auch italienische Werke wurden, wenn sie in deutschen Städten aufgeführt wurden, in der Aussprache eingedeutscht, wie es auch umgekehrt der Fall war. Wichtig ist aber, dies vor Probenbeginn genau festzulegen und auch konsequent durchzuhalten; wenn Vokale nicht einheitlich gefärbt sind, entsteht immer ein etwas „schmutziger” Klang, der sofort seine Strahlkraft verliert. Bei Werken, die eine Aussprache erfordern, die weder ich noch Mitglieder des Chores sicher beherrschen, arbeiten wir in den ersten Probentagen daher auch immer mit einem Sprachcoach.

Da sich ebenfalls die Zusammensetzung des BNC von Projekt zu Projekt ändert, ist das mehr Vor- oder Nachteil für die herausfordende Arbeit?

Der BNC hat einen festen Kern an Musikern, die zu fast allen Projekten eingeladen werden. Bei größer besetzten Werken kommen SängerInnen dazu, die sich durch ihre Teilnahme an einem der dreimal jährlich stattfindenden Vorsingen qualifiziert haben. Viele von ihnen sind auch schon seit Jahren dabei, sodass diese sehr gute Mischung eine wunderbare Voraussetzung für meine Arbeit bildet.


Im Bereich der sogenannten historischen Aufführungspraxis gibt es immer wieder die Diskussion über aufzuführende Kompromisslosigkeiten hinsichtlich Ensemblegröße, Besetzung, Instrumente etc. Ich habe Ihre Kerll-Missa in Brüssel rezensiert, die Sie in großer Besetzung und damit natürlich anders als in Ihrer CD-Einspielung vor über siebzehn Jahren aufgeführt haben. Was hat sich verändert oder täuscht mein Eindruck, dass Sie eher zur etwas unideologischeren Fraktion gehören, wenn ich das so nennen darf, getreu Ihrem Namensgeber „gigantische Bauwerke mit viel Freiheit im Raum zu schaffen“?

Dieses Thema ist tatsächlich so komplex, dass man darüber ein ganzes Buch machen müsste! Nehmen wir als Beispiel die Besetzungsgröße eines Orchesters um 1700: Je nach Ort, Aufführungsanlass und finanziellen Möglichkeiten wurden Concerti grossi von bis zu 120 Musikern aufgeführt. Man stelle sich das mal vor: Alle Streicher der Wiener und der Berliner Philharmoniker, verstärkt durch alle ihre Akademisten spielen ein Concerto grosso von Corelli! Aber natürlich wurden sie auch solistisch aufgeführt. Dann erklingt fast ein neues Stück, aber es ist doch ein Signum großer Kunst, dass es für viele Deutungen offen ist. Ganz wichtig für meine Überlegungen hinsichtlich Besetzungsgröße ist neben den spezifischen Erfordernissen der Stücke auch der Saal, in dem ich sie heute aufführe. Ich bin sehr skeptisch, wenn Alte Musik in vermeintlich historisch korrekter Minimalbesetzung vor 2000 Zuhörern aufgeführt wird; da muss die Akustik schon fantastisch sein, damit man die Zuhörer auch wirklich noch unmittelbar erreicht. Umgekehrt kann eine zu große Besetzung der luziden Durchhörbarkeit mancher Werke auch extrem schaden. Dann muss man sowohl als Künstler als auch als Veranstalter bereit sein, auf seinen Tourneen auf die großen Säle zu verzichten.

Wie sind mit zunehmender Zeit Ihre Erfahrungen, Ihre Balthasar-Neumann-Herangehensweise auf andere Chöre, mit denen Sie zusammenarbeiten, übertragen zu können?

Vieles von dem, was wir gemeinsam erarbeitet haben, ist so eigen und persönlich, dass es geradezu unklug wäre, es auf andere Chöre zu übertragen. Jeder neue Chor (wie auch jedes Orchester) bietet mir als Dirigent zunächst mal seinen eigenen Klang an, mit und an dem ich dann arbeite. Und es ist ein wichtiger Teil des respektvollen Miteinanders, dass man sich aufeinander einlässt!