Wenn man sich für zeitgenössische Musik interessiert, dann entdeckt man schnell, wie viele Komponisten es gibt, die mitreißende Musik schreiben. Immer wieder stößt man auf neue Namen jüngerer Komponisten, aber auch ältere schreiben regelmäßig neue Werke. Einer der bekanntesten lebenden englischen Komponisten, Harrison Birtwistle hat vor fünf Jahren im Alter von 80 Jahren seinem umfangreichen Œuvrekatalog noch ein neues Klavierkonzert hinzugefügt mit dem Titel Responses, Sweet disorder and the carefully careless. Er erzählte in einem Interview, dass seine Musik lange Zeit eine sehr ungeliebte Kost für Musiker war. Deren Verhältnis zu seinen Kompositionen verglich er mit dem vieler junger Kinder zu Gemüse. Lachend erzählt er: „Meine Musik war wie das ungeliebte Gemüse (Kohl, Spinat), welches man Kindern vorsetzt!“ Heutzutage sei diese Einstellung vor allem bei Spitzenorchestern deutlich verändert und man akzeptiere seine Musik viel mehr.

Vladimir Jurowski © Drew Kelley
Vladimir Jurowski
© Drew Kelley

Von dieser Akzeptanz konnte man sich bei der Niederländischen Erstaufführung in Amsterdam mit dem Königlichen Concertgebouworkest überzeugen. Pierre-Laurent Aimard war bei diesem Ensemble in der laufenden Saison Artist in Residence und hatte Birtwistles letztes Werk, das Klavierkonzert Responses 2014 in München aus der Taufe gehoben. Noch im selben Jahr hatte er es in London auch mit Vladimir Jurowski aufgeführt. Zusammen mit dem RCO gelang ihnen eine abwechslungsreiche Interpretation dieser jugendlich-frischen Komposition. Neben vielen komplexen Dialogen innerhalb des Orchesters entspannten sich auch Gespräche zwischen dem Solisten und verschiedenen Orchestergruppen. Die wie immer außergewöhnlich homogen und kraftvoll klingenden Blechbläser setzten mit mehrmals wiederholten männlich-herben Fanfarenstößen strukturierende Eckpunkte, quasi Interpunktionen, von denen man von einem Thema zum anderen geleitet wurde. Beim Pianissimo nach der kurzen Klavierkadenz atmete das Werk sogar eine gewisse Leichtigkeit, bevor es spontan wieder in seinen packend expressionistischen Stil zurückfand.

In nichts war die Aufführung dieser spontanen modernen Komposition zu vergleichen mit Olivier Messiaens Oiseaux exotique, die Aimard nach der Pause mit einem kleinen Teil des RCO zelebrierte. Sein Anschlag war verführerisch klar und erzeugte einen transparenten Klang, den man nicht eher von ihm gehört hatte. Aimard schwelgte in virtuos perlenden Girlanden und Motiven, die Vogelrufen von nicht weniger als 48 verschiedenen exotischen Vogelarten nachempfunden waren. Die dynamische und Klangfarbenpalette war viele Male variierter, als man es nach der Darbietung vor der Pause für möglich gehalten hätte. Auch die neun Holzbläser entfalteten zusammen mit Schlagzeug und 3 Blechbläsern ein delikates Urwaldgetöse, dass es eine Pracht war. Jurowski gab dem Tamtam genau die richtige Zeit, um sich zu seinem infernalischen Höhepunkt einzuschwingen und ließ den hervorragenden Bläsersolisten allen Raum zur Entfaltung ihrer Motive. Es war ein Ohrenschmaus, die komplizierten rhythmischen Strukturen exakt ineinandergreifen zu hören. Dirigent und Orchester genossen sichtlich die Soli ihres entfesselt spielenden Hauptdarstellers.

Wir verdanken die zwischen 1912 und 1920 entstandenen Kompositionen La Valse von Maurice Ravel und Jeux von Claude Debussy dem damals in Paris ansässigen Ballet Russe und seinem unstillbaren Hunger nach moderner Ballettmusik. Nur zwei Wochen vor der Premiere des ebenfalls für dieses Tanzensemble 1913 geschriebenen Sacre du printemps von Strawinsky, wurde Jeux zum ersten Mal aufgeführt. Das Spiel, um welches es in der Debussy vorgegebenen Handlung ging, war ein Tennismatch und Debussy war anfänglich über diese Sujet nicht begeistert. Er schrieb die äußerst komplizierte Partitur dann (für eine deutlich höhere Gage) in nur drei Wochen. Es gibt in Jeux in raschem kontinuierlichem Wechsel immer neue Tempi und Spielanweisungen, die nicht nur dem Orchester sondern auch dem Publikum ein großes Konzentrationsvermögen abverlangen. Selbst als Eingangsstück für ein modernes Konzertprogramm eines der besten Orchester der Welt war das eine Herausforderung. Schon der erste delikate Einsatz von Harfen und Horn machte das Nervenspiel deutlich, dem die Interpreten ausgesetzt waren. Die hervorragenden Musiker brauchten eine kurze Eingewöhnungszeit und dementsprechend entwickelte sich die der Partitur immanente vielschichtige Atmosphäre erst langsam. Jurowski dirigierte exakt, ließ aber zu diesem Zeitpunkt eine zwingende Dringlichkeit gegenüber dem Orchester vermissen. Dies führte zu einer Interpretation, die obwohl auf hohem Niveau musiziert weder den extremen dynamischen Unterschieden noch der klanglichen Nuancen der Partitur in allem gerecht wurde.

Ravel hatte mit seiner Komposition für das Ballet Russe weniger Glück, seine Partitur wurde abgelehnt. Das hat dem Siegeszug dieser rasanten Komposition seitdem keinen Abbruch getan. Bei der Aufführung des RCO tanzte sogar der Pauker leichtfüßig zwischen seinen Instrumenten mit. Jurowski gab die Übergänge zwischen den verschiedenen Walzern sehr genau und energisch an. Ravel reiht in dieser Hommage an Johann Strauss Sohn einen Walzer an den Nächsten und schafft so die Atmosphäre einer rauschenden Ballnacht, die nicht enden will. Jurowski hatte sich scheinbar die Rolle des Hoffmann’schen Kapellmeisters zugedacht, der seine Musiker mit teuflischem Spaß zu immer mehr virtuosem Schabernack antrieb.

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